Über Autismus

Über Autismus

Autismus aus der Sicht einer Selbstbetroffenen

Ich finde, «in sich gefangen sein» ist eine gute Beschreibung des Autismus. Man hat Mühe, mit der Welt und mit sich umzugehen. Man kann zwar laufen, atmen, hören, sehen, gut denken und trotzdem fehlt irgendetwas. Mir fehlt vor allem eine gewisse Selbstständigkeit im Alltag. Es geht nicht immer nur um Smalltalk: während andere in meinem Alter in WGs wohnen, Rechnungen zahlen, in Parteien mitwirken, Auto fahren, Kinder haben, heiraten, neben Studium einen Job ausführen, muss ich solche alltäglichen Dinge Schritt für Schritt lernen. Diese Mühen können mal stärker oder schwächer je nach Individuum ausgeprägt sein. Dementsprechend gehen Autisten mit diesen Mühen auch unterschiedlich um: manchmal sieht man einem Asperger das Handicap gar nicht an. Aber jeder Autist oder Asperger braucht im Leben einen Coach, der hilft, den Alltag zu managen. S., w, 22

Autismus aus der Sicht der Eltern

Für die Eltern ist jedes Kind besonders und hat seinen festen Platz in der Familie. Was vom Arzt als Störung diagnostiziert wird, sehen Eltern als Besonderheit. Ihr Kind hat eine andere Art, Informationen aus seiner Umgebung aufzunehmen und zu verarbeiten. Aus dieser Besonderheit ergeben sich spezielle Bedürfnisse, auf die sich die ganze Familie einstellen muss. Dies ist eine grosse Herausforderung, die sämtliche Lebensbereiche berührt. Ein erschwerter Alltag ist meist die Folge. Oft schlafen Kinder mit Autismus sehr wenig und benötigen während des Tages ständige Überwachung. Hinzu kommen Essprobleme, Wutanfälle, Schwierigkeiten mit Neuem und Unvorhergesehenem, Schulverweigerung. Diese grosse und dauernde Belastung kann bei den Eltern zu Erschöpfungszuständen führen. Zum erschwerten Alltag kommt der dauernde Kampf für die Rechte des Kindes in Schule, Heim, Ausbildung, etc.Eine gezielte Unterstützung der Eltern in Form einer umfassenden und über das Therapeutische hinausgehende Autismusberatung wäre notwendig. Doch ist diese mangels Verfügbarkeit oder aus finanziellen Gründen in vielen Fällen nicht erreichbar. Familien mit Kindern mit einer Autismus-Diagnose sind sehr auf ein Umfeld angewiesen, welches sich auf die spezielle Situation dieser Familie einstellt und einlässt. Wenn Freunde, Schule, Vereine und Institutionen mit Offenheit und Flexibilität der besonderen Situation begegnen, können sie den anspruchsvollen Alltag dieser Familien enorm erleichtern. Oft kann mit wenig Entgegenkommen und Verständnis sehr viel Entlastung für diese Familien erreicht werden. Familien mit Kindern mit Autismus können ein erfülltes, glückliches und qualitätvolles Familienleben führen. Sie sind jedoch dringend auf Hilfe, die ihrer Situation gerecht wird, angewiesen.
Autismus aus der Sicht des Arztes – medizinische Definition: Autismus-Spektrum-Störung (ASS)

Nach aktuellem Forschungsstand geht man davon aus, dass ca. 1% aller Menschen von einer ASS betroffen ist. Das Spektrum reicht von schwerwiegenden Beeinträchtigungen, teilweise gepaart mit Intelligenzminderung (frühkindlicher Autismus) bis hin zu weniger schwerwiegenden, aber dennoch klinisch bedeutsamen und Leiden verursachenden Beeinträchtigungen bei durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligenten Menschen (Asperger-Syndrom). Beide Formen von Autismus wurden erstmals in den 1940ern von Herrn Dr. Kanner bzw. Herrn Dr. Asperger unabhängig voneinander erstmals beschrieben. Es sind auch Begriffe wie „atypischer Autismus“ und „high functioning autism“ bekannt. Bei von ASS betroffenen Menschen können besondere Fähigkeiten vorliegen. Die ASS gehört zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, die sich bereits in frühester Kindheit manifestieren. Allen ASS gemeinsam sind Beeinträchtigungen in drei Kernbereichen: Qualitative Auffälligkeiten der gegenseitigen Interaktion, qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation und begrenzte, stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten.

Vom Autismus zum Autismus-Spektrum

Unter Autismus verstand man lange Zeit eine seltene Störung, die oft mit deutlicher Behinderung verbunden ist. Diese Sichtweise hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Man hat erkannt, dass es vielfältige Formen von Autismus gibt, und spricht heute deshalb von Autismus-Spektrum. Neueste Forschungsresultate gehen davon aus, dass ca. 1% der Bevölkerung von einer Störung aus dem Autismus-Spektrum betroffen ist. Der Begriff „Autismus-Spektrum“ hat eine doppelte Bedeutung. Einerseits wird damit zum Ausdruck gebracht, dass es unterschiedliche Erscheinungsformen von Autismus gibt, die sich stark unterscheiden. Auf der einen Seite dieses Spektrums steht der „frühkindliche Autismus“ mit deutlicher Beeinträchtigung der Sprachentwicklung und auf der anderen Seite das „Asperger-Syndrom“ mit oft sehr differenzierten sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten. „Autismus-Spektrum“ bedeutet anderseits, dass die verschiedenen Formen von Autismus unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Weniger ausgeprägte Formen von frühkindlichem Autismus werden zuweilen „Atypischer Autismus“ genannt, und mildere Formen von Asperger-Syndrom heissen offiziell „Nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörungen“. Hier ist eine begriffliche Neuordnung dringend notwendig und wird international von der Fachwelt auch angestrebt.