Benehmen eines Kindes

      Benehmen eines Kindes

      Wir haben in unserer Betreuung ein Kind mit Asperger. Da wir alle nicht so viele Erfahrungen haben, möchte ich fragen, was man diesem Kind zu muten und erwarten kann.

      das Kind ist sehr frech und respektlos in seinen Aussagen, hauptsächlich Erwachsenen gegenüber, reagiert gar nicht auf den Hinweis, dass dies so nicht geht. Wir gehen sehr auf seine Essensspezialtäten ein, strukturieren seinen Zeit bei uns sehr, damit er sich zurecht findet etc.

      die Frage ist: kann dieses Frechsein, einfach weiter beschimpfen und nicht zu stoppen sein unsErwachsenen gegenüber wirklich nur Asperger sein, oder wurde dem Kind nicht zu viel durchgelassen von den Eltern im Sinne von " wir sagen nichts, denn das ist einfach so bei ihm"?

      Gehört dieses Frechsein, andere Beschimpfen, sich überall rauswinden und kein Gefühl für seine Verantwortung wirklich zum Aspergersyndrom? Ich fand in der Literatur nichts darüber und möchte gerne wissen, wieviel können wir von ihm verlangen?

      Lila schrieb:

      Da wir alle nicht so viele Erfahrungen haben, möchte ich fragen, was man diesem Kind zu muten und erwarten kann.


      So einfach lässt sich das nicht sagen, weil Asperger bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist.
      Beispiel: manche haben kein Problem in einer Einkaufsmeile mit vielen Menschen rundherum, andere verzweifeln daran.
      So ähnlich dürfte es auch bei der Belastungsfähigkeit sein.

      Lila schrieb:


      das Kind ist sehr frech und respektlos in seinen Aussagen, hauptsächlich Erwachsenen gegenüber, reagiert gar nicht auf den Hinweis, dass dies so nicht geht.


      Nimmt das Kind die Reaktionen von euch Erwachsenen zumindest wahr? Beispielsweise, spricht kurz nicht, zuckt zusammen, hält in Bewegungen inne oder zeigt irgendeine Reaktion, das es den Hinweis zumindest wahrnimmt?

      Lila schrieb:


      die Frage ist: kann dieses Frechsein, einfach weiter beschimpfen und nicht zu stoppen sein unsErwachsenen gegenüber wirklich nur Asperger sein, oder wurde dem Kind nicht zu viel durchgelassen von den Eltern im Sinne von " wir sagen nichts, denn das ist einfach so bei ihm"?


      Von aussen betrachtet dürfte es schwer fallen, zwischen "Asperger" und "zuviel durchgelassen" zu unterscheiden.

      Ich kann nur für mich sprechen, weil ich als Kind oft ähnlich frech zu Erwachsenen war und ihnen nicht zuhörte.
      Das frech sein und nicht hören und auf Hinweise reagieren wollen machte ich hauptsächlich, wenn ich mit oder in einer Situation überfordert war oder etwas erledigen wollte und dabei gestört wurde.

      Lila schrieb:


      Gehört dieses Frechsein, andere Beschimpfen, sich überall rauswinden und kein Gefühl für seine Verantwortung wirklich zum Aspergersyndrom? Ich fand in der Literatur nichts darüber und möchte gerne wissen, wieviel können wir von ihm verlangen?


      Wie ist das genau mit dem Beschimpfen gemeint? Kommt die Beschimpfung jeweils zielgerichtet artikuliert und situativ "richtig" angewendet oder mehr unverhofft und überraschend, vielleicht komplett zusammenhangslos erscheinend? Wenn letzteres der Fall sein sollte, könnte möglicherweise (zumindest theoretisch!) auch das Tourette-Syndrom als Komorbität von Asperger dafür verantwortlich sein. Könnte, nicht muss.

      Wie ist das genau mit "kein Gefühl für seine Verantwortung" genau gemeint?

      Das sich überall rauswinden wollen kann der situativen Überforderung geschuldet sein, aber dazu müsstest Du mehr Details schreiben und Beispiele nennen. So aus der Ferne ist eine Einschätzung schwer bis unmöglich denke ich.

      Gruss
      René
      Finde ich toll, dass du hier Rat suchst...aber...auch schwierig...die Ausprägungen sind so unterschiedlich wie Kinder allgemein, es gibt keine gültigen Regeln! Ich kann nur empfehlen, sprecht mit den Eltern, bezieht sie ein, fragt wie das zu Hause ist, profitiert von ihren Erfahrungen! Und...wenn das Kind voraussichtlich länger bei euch bleibt, holt euch eine externe Beratung, es gibt top Stellen. Wir haben mit Urdorf super Erfahrung gemacht, eine HP kommt auch in die Schule oder wo auch immer und genau solche Fragen können im Anschluss an die Beobachtungen besprochen werden, das ist sehr konkret und sehr hilfreich...
      Der der Begriff "Frech" nicht standardisiert ist, wäre es zunächst einmal hilfreich anhand von konkreten Bespielen ein besseres Bild zu bekommen.Frech sein, bedeutet nämlich für jeden etwas anderes.

      Wie schon oben erwähnt, ist die Bandbreite sehr gross, grösser als bei neurologisch typischen Menschen, so dass ein Rat sehr spezifisch auf den Menschen zugeschnitten sein sollte und eine verallgemeinerung nur bedingt hilfreich. Aufgrund der grossen Bandbreite ist der Begriff "Asperger" im übrigen vor ein paar Jahren durch "Menschen im Autistischen Spektrum" abgelöst worden. (War das jetzt eine freche Bemerkung? ( Ich frage bewusst dannach, weil sehr oft Menschen im autistischen Spektrum die Tendenz haben Dinge auszusprechen die "Wahr" sind. Das wird aber von den meisten NT's (Neurologisch Typischen (Menschen)) als Affront gewertet weil sie es gewohnt sind zu lügen und daher auch von anderen erwarten. Somit könnte das als "Frech" klassifiziert sein, wenn jemand einfach nur die Wahrheit spricht.))

      Ein möglicher Lösungsansatz dazu ist zunächst einmal Verständnis und Toleranz anstatt zu versuchen durch geeignete Dressur den betroffenen Menschen in eine Rolle zu zwängen und benehmen zu Erzwingen. Des weiteren ist Lektüre über Autismus und was es für den Betroffenen bedeutet ein guter Weg, dazu noch Gespräche mit Menschen die im Spektrum sind und berichten können wie es sich für sie anfühlt.

      Unter Umständen relativiert sich dann schon einiges.

      gizmo schrieb:

      Aufgrund der grossen Bandbreite ist der Begriff "Asperger" im übrigen vor ein paar Jahren durch "Menschen im Autistischen Spektrum" abgelöst worden. (War das jetzt eine freche Bemerkung?


      Ne, nicht frech, nur den "Klugscheisser" raushängen lassen :D (Scherz!)

      Aber es stimmt, Du hast Recht, heute wird der Begriff "Menschen im Autistischen Spektrum" oder allgemein ASS (Autismus Spektrum Störung) (Klugscheiss zurück ;) ) verwendet.
      Ich tue mich mit der Bezeichnung "ASS" auch heute noch schwer, kenne das Thema "Autismus" durch das viele Lesen sicher schon seit den 90ern.
      Ich tue mich mit der Bezeichnung ASS ebenfalls schwer weil es den Begriff Störung enthält was wieder die Frage aufwirft wer oder was hier gestört ist und gestört in bezug auf was? Soweit mir bekannt ist Autismus eine Folge von der aktivierung bestimmter gene zu bestimmten zeiten in der entwicklung des gehirns die zu einer anderen Verdrahtung führt als bei neurologisch typischen menschen. Daraus folgt das die Signalverarbeitung anders gelager ist was auch sinnmacht wenn man sich die "Symptomatik" anschaut. Was daran jetzt die Störung sein soll erschliesst sich mir nicht.

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      Hallo Lila
      Wir hatten/ haben mit unserem Sohn in der Kita und auch jetzt im Kindergarten sehr ähnliche Probleme wie das von dir beschriebene Kind. Kinder spüren meiner Erfahrung nach sehr genau, was sie bei welchen Personen sagen dürfen/ können, und was nicht. Sie reden intuitiv mit Erwachsenen anders als mit Gleichaltrigen, zumindest ab einem gewissen Alter. Kinder mit ASS machen diesen Unterschied weniger oder gar nicht. Wir spüren immer wieder von Betreuungspersonen unterschwellig den Vorwirft, unser Kind sei einfach schlecht erzogen. Das ist für mich sehr schwierig, denn wir reden mit unserem Sohn sehr wohl über seine Sprache und sein Benehmen. Aber das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht: das Kind kann sein Verhalten nicht einfach ändern, auch nicht durch ein paar Tage oder Wochen konsequenter Sanktionen. Darauf reagieren sehr viele ASS Kinder nicht, jedenfalls nicht bis zu einem gewissen Alter (unser Sohn ist 6).
      Sprecht unbedingt mit den Eltern. Versucht zu beobachten, in welchen Situationen das Kind so spricht oder reagiert. Und versucht, es nicht persönlich zu nehmen. Da ist unser Sohn zum Beispiel sehr feinfühlig. Er merkt sehr genau, wenn er als mühsamer Störenfried wahrgenommen wird. Das gerät dann schnell zu einer negativen Abwärtsspirale. Im Ton neutrale, bestimmte Ansagen helfen. Humor und Leichtigkeit helfen bei uns auch, erstaunlicherweise. Das ist sicher im Kita Alltag schwerer als zuhause. Aber vielleicht gelingt es ab und zu.

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      Atoba schrieb:

      Aber das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht: das Kind kann sein Verhalten nicht einfach ändern, auch nicht durch ein paar Tage oder Wochen konsequenter Sanktionen. Darauf reagieren sehr viele ASS Kinder nicht, jedenfalls nicht bis zu einem gewissen Alter (unser Sohn ist 6).


      Tage oder Wochen mit kosequenter Sanktion... Grauselig... Solche Bestrafungen bekam ich oft.
      Nur: wenn Du in einer Situation überfordert bist, dann verstehst Du auch nicht, weshalb Du für die Überforderung bestraft werden sollst. War zumindest bei mir so.
      Bei mir hatte die Bestrafung nur dazu geführt, dass ich mich noch mehr als eh schon ausgeschlossen fühlte und das Vertrauen in die Person verlor. Mehr nicht. Gelernt hatte ich durch die Bestrafung nichts, ich empfand sie als grosse Ungerechtigkeit. Viele mit ASS haben ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, auch schon als Kind.
      Sanktionen können sich stark negativ auswirken. Das Verhältnis und Vertrauen zu Eltern oder Lehrpersonen kann dadurch stark und teilweise auch dauerhaft gestört sein.

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      Hallo Lumpi
      Ich bin genau deiner Meinung. Unser Sohn versteht oft gar nicht, wofür er denn nun sanktioniert wird, und das macht ihn noch unsicherer, dies wiederum führt zu noch mehr Aggression (die aus der puren Überforderung kommt). Wir wurden vom Schulleiter öfter gefragt, was wir denn konkret unternähmen gegen das "schlechte" ungewollte Benehmen unseres Kindes. Dann war/ bin ich immer etwas ratlos. Und kann nur immer wiederholen: wir müssen lernen, damit umzugehen, dass dieses Kind anders ist. Das ist unsere Aufgabe. Gelassenheit, eine gute Beziehung zum Kind aufbauen, schwierige Situationen frühzeitig zu entschärfen versuchen. Und, dem Alter des Kindes angemessen, mit dem Kind darüber reden, wenn die Situation vorbei ist und man eine ruhige Minute findet.