Wie läuft eine Abklärung ungefähr ab?

      Wie läuft eine Abklärung ungefähr ab?

      Hallo zusammen
      Ich schreibe mal meine Frage hier in einen neuen Thread, da ich noch keinen passenden gefunden habe, vielleicht kann mir jemand über seine/ihre Erfahrungen berichten? Letzten Freitag habe ich mich bei einem Psychiater, der Diagnostik bei Erwachsenen durchführt, gemeldet. Nächste Woche gehe ich zu meiner Hausärztin zum ersten Gespräch und am 3. Januar habe ich das erste Treffen mit dem Psychiater. Er hat mir per Email zahlreiche Screeningtests geschickt, die ich bis dahin ausfüllen soll, auch auf ADHS werde ich gescreent. Ich hoffe mich hier mit euch austauschen zu können, da es für mich noch alles neu ist und ich nicht weiss, was auf mich zukommt, bei diesem Diagnoseverfahren. Hat jemand Erfahrung damit und kann mir etwas darüber berichten? Natürlich ist es bei jedem anders, aber trotzdem würde es mir helfen, von euch zu hören!
      Vielen Dank im Voraus!
      Lieber Gruss
      ahava
      Hallo ahava

      Ein Psychiater wird vielleicht anders vorgehen als eine Diagnosestelle. Zu detailiert sollte man im Vorfeld wohl auch nicht wissen, was auf einen zukommt, denn das könnte Antworten unbewusst verfälschen.
      Dennoch, ein grober Überblick sollte nicht schaden, auch um damit mögliche Ängste im Vorfeld der Diagnose ein wenig zu nehmen.

      Bei mir war es in etwa folgendermassen:

      Erster Diagnosetermin
      Vorstellung und die Frage, weshalb man eine Diagnoseabklärung wünscht (bei mir: Geräusch-, Licht-, Bewegungsempfindlichkeit und Probleme mit körperlicher Nähe/Berührungen, sozialer Umgang mit anderen Menschen). Danach wurde meine Kindheit abgefragt, wie sie war, was alles geschah und nach Auffälligkeiten gefragt. Ich war in zwei Heimen und hatte aus dem ersten Heim Unterlagen zum Diagnosetermin mitgebracht. Eltern oder Geschwister, die man hätte fragen können wie ich in der Kindheit war habe ich nicht.
      Das war es dann auch schon mit dem ersten Diagnosetermin. Mir wurde von der Diagnostikerin zum Abschluss des ersten Termins gesagt, dass es wegen meiner nicht so guten Kindheit schwer(er) werden würde eine Diagnose zu stellen, denn man könne anhand der Lebensgeschichte nicht so einfach zwischen angeborenem und erlernten Verhalten unterscheiden.

      Per Email erhielt ich ein paar Tage später Links zu Onlinefragebögen, die ich bis zum 2. Termin ausfüllen musste. Es waren Selbstbeurteilungsfragebögen. Der eine war der Autismusquotient-Test in einer etwas abgewandelten Form, wie man ihn auf einigen Seiten findet, die anderen waren vom Prinzip her an den EQ/SQ-Test von aspergia.de angelehnt. Zusammen mit einem weiteren Test wurde am zweiten Termin ein Persönlichkeitsprofil erstellt.

      Zweiter Diagnosetermin
      Beim zweiten Termin wurden von der Diagnostikerin unter anderem Kurzgeschichten vorgelesen. Diese beschrieben soziale Situationen. Am Ende jeder Geschichte musste ich diese reflektieren und z.B. sagen, ob und wenn jemand etwas nicht richtig gemacht oder wie sich jemand in der Geschichte gefühlt hatte. Dabei ging es um die sogenannte "Theory of Mind".
      Ähnlich gelagert waren Kurzgeschichten in Form von Comics im Umfang von 3-4 Bilder, deren Geschichte ich jeweils interpretieren sollte.
      Ein Test beruhte darauf, aus einer Anzahl Karten mit Symbolen darauf die Hälfte der Karten auszusuchen und anhand der abgebildeten Symbolen eine passende Geschichte dazu zu erfinden.
      Danach wurde eine Frage-Antwort-Testung gemacht, aber ich weiss nicht mehr, was darin gefragt wurde und welche Antworten ich gab. Diesen Test empfand ich stark kräftezehrend.
      Zum Abschluss sah ich ein Video, das meine ToM-Fähigkeiten nochmals testen sollte.

      Zwischen dem zweiten und dritten Diagnosetermin führte die Diagnostikerin mit meiner Frau ein Telefonat, das etwa 30 Minuten dauerte. Details dazu weiss ich nicht, ich war auch nicht beim Telefonat dabei, wollte es auch nicht. Meine Frau sollte frei von der Leber (Redewendung) sprechen und auch mir eventuell unangenehme Dinge benennen. Ich gab ihr im Vorfeld auch explizit die Erlaubnis, dies zu tun, auch wenn es für mich potentiell "schädlich" wäre.

      Dritter Diagnosetermin
      Bei meinem dritten Diagnosetermin war neben der Diagnostikerin auch ein Psychiater dabei. Hauptsächlich er leitete den Termin. Er fragte nochmal einige Dinge aus der Kindheit ab, wohl um besser zwischen angeborenem und erlerntem Verhalten differenzieren zu können.
      Hauptsächlich aber fragte er nach derzeit vorhandenen Problemen:
      - sozialer Umgang mit anderen Menschen
      - Geräusch-/Licht-/Bewegungsempfindlichkeit
      - Berührungen
      - Situationen die mich überfordern, schnell an meine Grenzen bringen oder schnell ermüden
      und ob diese meiner Meinung nach in letzter Zeit stärker oder schlimmer oder schwächer wurden. Ich konnte/durfte ihm zu jeder Frage Beispiele aus meinem Alltag nennen, in denen ich situativ Probleme hatte oder meine Probleme zu haben.

      Am Ende des dritten Diagnosetermins erhielt ich die Diagnose Asperger-Syndrom erst mündlich, etwa drei Wochen später auch schriftlich.

      Den besten Tipp, den ich geben kann ist folgender: sei bei der Diagnose einfach Du selbst und verstell Dich nicht um irgendwelchen Anforderungen gerecht zu werden.
      Lieber Lumpi

      vielen, lieben Dank, dass du dir Zeit genommen hast, mir eine so ausführliche Antwort auf meine Frage zu geben. Sie hilft mir wirklich sehr, da ich stark darunter leide, wenn etwas neues Unbekanntes auf mich zukommt und mich dann in Angst und Nervosität hineinsteigern kann. Mir geht es einfach darum, herauszufinden, weshalb ich mich mein Leben lang "anders" gefühlt habe, egal ob dabei eine Asperger-Diagnose resultiert oder nicht. Obwohl ich mir mittlerweile ziemlich sicher bin und zum ersten Mal in meinem Leben eine Erklärung für meine Eigenheiten hätte, da es vor ein paar Monaten bei mir ein grosses "Klick" eingestellt hat, nachdem ich das Buch "Steinmann, Christine: Überraschend anders. Mädchen und Frauen mit Asperger, Stuttgart 2013." gelesen habe.

      Nochmals vielen Dank und dir einen schönen Abend,
      ahava