Interview II: Sozialkontakte als Herausforderung

  • Sozialkontakte sind für Menschen mit Autismus eine enorme Herausforderung – darauf macht unsere aktuelle Sensibilisierungskampagne aufmerksam. Gerade bei Menschen mit einer Asperger-Diagnose ist für Aussenstehende allerdings oft nicht erkennbar, unter wie viel Anspannung und Druck – der auch zu psychischen Problemen führen kann – sie stehen.



    Umso wertvoller ist es, dass im folgenden Interview drei erwachsene Menschen mit einer Asperger-Diagnose Einblicke in ihr Leben gewähren und anschaulich erläutern, welche sozialen Situationen für sie schwierig sind, wie sie damit umgehen und was ihnen hilft.

    Wir danken Sandra* und Claudia* sowie unserem Forumsmitglied Regenbogen ganz herzlich, dass sie hier ihre persönlichen Erfahrungen mit der Community teilen (*Namen geändert).

    Sind Sozialkontakte für Sie mit Angst oder Stress verbunden? Falls ja, welches sind die grössten Herausforderungen für Sie bei Sozialkontakten?

    Sandra: Ja, die meisten Sozialkontakte (ausser mit sehr gut bekannten Personen) sind für mich mit Stress verbunden. Für mich ist es immer sehr schwierig abzuschätzen, wie ich mich in den Situationen verhalten soll. Ich versuche dann, alle Zeichen des Gegenübers entsprechend zu deuten (möchte er/sie noch sprechen oder nicht, wie lange sollte ich das Gegenüber anschauen, wie soll ich auf seine Aussagen reagieren etc.). Es beginnt schon bei der Begrüssung (Hand geben? Drei Küsschen? Nur verbal?), geht dann über mögliche Gesprächsthemen finden und eine Konversation aufrechterhalten bis hin zu Gesprächsdauer und -abschluss.

    Claudia: Ist eine soziale Situation nicht eindeutig strukturiert, ist es z.B. nicht klar, wo ich mich hinsetzen oder -stellen muss, bedeutet das Stress für mich. In den Gesprächen verstehe ich oft manche Aussagen überhaupt nicht. Sobald mehr als eine Person ausser mir anwesend ist, wird es für mich anstrengend. Menschenansammlungen und -gruppierungen versuche ich so weit wie möglich auszuweichen.

    Regenbogen: Angst entsteht vor allem, wenn ich nicht weiss, wie ich reagieren soll und nicht in der Lage bin herauszufinden, was die anderen von mir wollen. Oder vor Fehlinterpretationen, seien dies Gesten oder Aussagen, was immer zu enormem Stress führt.

    Beschreiben Sie konkret eine solche Situation, die für Sie herausfordernd war.

    Claudia: Ich wollte mit der Hündin von Bekannten die Hundeschule besuchen. Die Leiterin kannte ich bereits, auch hatte ich mit der Hündin zusammen schon eine Einzelstunde gehabt. Ich hätte gerne noch im Einzelunterricht weitergemacht, doch die Leiterin fand, ich sollte in eine Gruppe kommen.

    Nun stand die erste Stunde bevor. Die Lektionen finden an wechselnden Orten statt, mit einer Assistentin zusammen war ich den Ort der ersten Stunde auskundschaften gegangen. (Auch für alle weiteren Stunden bin ich gemeinsam mit einer Assistentin die Orte, Wege und Parksituation anschauen gegangen.) Doch nun musste ich alleine zur ersten Stunde hingehen. Glücklicherweise besitze ich ein Auto, so musste ich nicht den ÖV benutzen. Wege kann ich mir nur schlecht merken, so bin ich froh, dass ich ein Navi habe. Ich hatte aber Stress, ob ich denn für mein Auto einen passenden Parkplatz finden würde. Deshalb fuhr ich sehr früh los. Als ich ankam waren noch ganz viele Parkplätze frei, ich hatte Glück und war dafür viel zu früh mit der Hündin vor Ort.

    Schließlich kam die Leiterin, Hände schütteln, Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links, nicht gerade das, was ich liebe. (Aber ich weiss so immerhin, dass ich dazu gehöre.) Anschließend kamen immer mehr weitere Teilnehmende. Muss ich denen nun auch die Hand geben oder reicht es, auf Abstand zu bleiben? Ich bin verunsichert, gestresst, zögere, versuche durch Beobachten herauszufinden, was angebracht ist. Ah doch, Hände schütteln. Alle stellen sich mit ihrem Namen vor. Hilfe, wie soll ich mir all diese Namen – es sind immerhin fünf – merken? Und dann noch die passenden Gesichter dazu!? Die Hunde zu erkennen ist doch wesentlich einfacher.

    Die Leiterin schlägt eine Vorstellungsrunde vor. Ich erschrecke: Was muss ich nun sagen? Ich versuche mich so unsichtbar und unbeteiligt wie möglich zu verhalten. Schliesslich beginnt jemand damit, sich und seinen Hund vorzustellen. Als letzte bewältige ich diese Aufgabe. Puh, Hundeschule ist außerordentlich anstrengend!Auch in Zukunft bedeutet die Begrüßungssituation Stress für mich. Ich erkenne die Leute nicht wieder, wundere mich, warum jetzt schon wieder eine neue Person da ist, bis ich den Hund sehe und denke: Den kenne ich doch! Ich versuche auf Distanz zu bleiben, das Händeschütteln zu vermeiden – die Hunde dürfen sich doch nicht einfach so zu nahe kommen …

    Doch auch während des Unterrichts, gibt es immer wieder Fettnäpfchen, Witze und andere. Die Leiterin macht ab und zu witzige Äußerungen, nur erkenne ich diese oft nicht als solche. Ein Beispiel: Wir stehen unten an einem steilen Wegstück. Die Leiterin meint, wir könnten uns nun von den Hunden hochziehen lassen. Ein bisschen wundere ich mich, eine etwas spezielle Aufgabe in einer Hundeschule … Ich stehe in der Reihe leider gerade zuvorderst. So kann ich nicht schauen, wie nun diese Aufgabe gelöst werden sollte. Nun gut, lasse ich mich von meiner Hündin halt hochziehen. Die Übung ist einfach, da sie sowieso gerne an der Leine zieht. In der Hälfte blicke ich mich um und stelle fest: Niemand anders lässt sich von seinem Hund hochziehen. Oje, das war wohl wieder eine ironische Aussage!

    (Regenbogen beschreibt in diesem Forumsbeitrag "Erfahrungen zum Thema der neuen Kampagne" eine weitere herausfordernde Situation)

    Wie bereiten Sie sich auf solche Situationen vor (falls dies überhaupt möglich ist)? Haben Sie bestimmte Strategien, die Ihnen helfen?

    Claudia: Ich versuche, nicht als erste zu agieren oder reagieren, beobachte die anderen und versuche so herauszufinden, welches Verhalten gerade angemessen ist. Eine andere Strategie meinerseits ist es, eine mir vertraute Person (z.B. eine Assistentin) mitzunehmen und sie vorausgehen zu lassen. Ich ahme dann einfach ihr Verhalten nach.Verstehe ich die Witze einer Person oft nicht, zögere ich meine Reaktion auf alle Aussagen hinaus und versuche durch das Verhalten meines Gegenübers oder anderer Beteiligter herauszufinden, was gerade gemeint ist. Das ist natürlich ziemlich anstrengend, weil es meinerseits eine enorme Aufmerksamkeit und Konzentration benötigt.

    Sandra: Ich überlege mir im Vorfeld, wen ich z. B. bei einem Apéro alles treffen könnte und wie der Raum wohl aussieht. Ich gehe im Kopf die verschiedenen Begrüssungsrituale der unterschiedlichen Personen durch (A. umarmt mich immer, B. gibt drei Küsschen, C. …). Meist stelle ich mir auch verschiedene Gesprächsabläufe vor – die dann jedoch in der Realität nie so sind wie gedacht.Es hilft mir, wenn ich nicht alleine in solche Situationen gehe, sondern mit einer anderen Person. Ausserdem habe ich seit kurzem einen Hund, der immer mit mir kommt. Das hilft mir sehr, da ich mich dann auf den Hund konzentrieren kann und nicht auf die Menschen schauen muss. Er dient als Ausrede, wenn ich grad nicht zu den Leuten hingehe, und erleichtert Gesprächseinstiege, da man sofort ein Thema hat.

    Regenbogen: Vorbereiten kann ich mich nicht, da jede Situation neu ist. Es sind jeweils andere Personen, andere Orte, andere Ausgangslagen und andere Anforderungen, denen ich mich ausgesetzt sehe. Strategien geraten spätestens bei der ersten unerwarteten Reaktion von Seiten der anderen Person ins Schleudern, wodurch für mich ein unglaublicher Stress entsteht. Mir hilft so nur noch der Gedanke an das Ende einer Begegnung.

    Wie wirkt sich bei Ihnen Angst und Stress aus?

    Regenbogen: Körperlich entstehen Verkrampfungen, die sich im gesamten Körper manifestieren. Weiter finden sich oft Übelkeit sowie Schwindel ein. Die Wahrnehmung meines permanenten Tinnitus verstärkt sich hin bis zur Unerträglichkeit. Emotional kommen Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle dazu, wodurch das Selbstwertgefühl immer weiter sinkt.

    Sandra: Bei Angst und Stress werde ich körperlich angespannt, was ich selber jedoch dann meist gar nicht wahrnehme. Ich kann keine klaren Gedanken mehr fassen und bin sowohl körperlich wie auch gedanklich blockiert. Mir kommen keine Worte mehr in den Sinn und ich verstumme. Gleichzeitig nerve ich mich über mich selber, dass ich die Situation nicht lockerer nehmen kann.

    Claudia: Zunächst steigt meine innere Anspannung an. Gibt es keine Möglichkeit aus der Situation zu gehen, das heißt, der Stress hält an, steigt meine Anspannung weiter an. Meine Leistungen brechen dann irgendwann mehr oder weniger massiv zusammen. Dies bedeutet, dass ich große Mühe bekomme, mich fortzubewegen oder zu sprechen. Natürlich würde ich in solchen Momenten am liebsten weglaufen, doch dies ist dann nur noch schwierig umzusetzen.

    Zum Glück erkenne ich heute in der Regel für mich zu anspruchsvolle Situationen rascher und kann mich meist noch frühzeitig zurückziehen. Zudem versuche ich mir für kommende kritische Situationen möglichst schon im Vorfeld passende Strategien auszudenken. Dies kann sein, dass ich mich gar nicht in die Situation begebe oder dass ich mir eine Begleitperson organisiere. Meine AssistentInnen wissen genau, wie sie mich unterstützen können.

    Was hilft Ihnen, um nach einem stressbeladenen Erlebnis wieder zur Ruhe zu kommen?

    Sandra: Schon während des Erlebnisses hilft es mir, mich kurz zurückzuziehen, mit dem Körper zu wippen und mit den Händen „Flatterbewegungen“ zu machen. Nach dem Erlebnis bin ich oft so erschöpft, dass ich nur noch ins Bett fallen möchte. Einfache, entspannende Routinetätigkeiten helfen mir, mich wieder zu entspannen.

    Claudia: Mir hilft es dann, wenn ich mich in eine ruhige Ecke setzen kann, wenn möglichst wenige Reize vorhanden sind und eine vertraute Person anwesend ist. Durch intensive Bewegung kann ich ebenso wieder zur Ruhe kommen. Ab und zu hilft es mir auch, ein Muster zu legen. Regenbogen: Bis heute habe ich kein Mittel gefunden, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ich habe einiges versucht, wie zum Beispiel Meditation oder Yoga – ohne Erfolg.

    Und zum Schluss: Was wünschen Sie sich von anderen Personen? Wie kann Ihr Gegenüber Sie am besten unterstützen?

    Regenbogen: Ich wünsche mir mehr Menschlichkeit im Umgang untereinander. Mein Gegenüber könnte mich dahingehend am besten unterstützen, indem er oder sie mich erstens ernst nimmt und zweitens ehrlich und offen mit mir umgeht.

    Sandra: Am meisten hilft es mir, wenn mein Gegenüber mich in Situationen wie z. B. einem Apéro „führt“: vor mir in den Raum gehen, vor mir andere Personen begrüssen etc. So kann ich immer beobachten und die Handlungen nachmachen. Ich habe in solchen Momenten Mühe mit offenen Situationen und es hilft mir, wenn ich nur kleine Auswahlen bekomme. Nicht „Was möchtest du trinken?“ (ich weiss ja gar nicht, was es alles gibt und was „man“ so trinkt an diesem Anlass), sondern „Möchtest du Weisswein, Rotwein oder Wasser?“Auch die Gesprächsleitung muss mein Gegenüber übernehmen und am wohlsten fühle ich mich, wenn wir über Themen sprechen, bei denen ich mich sicher fühle. Am liebsten stehe ich dabei neben der Person, dann muss ich mich nicht um Blickkontakt, Mimik und Gestik kümmern.

    Claudia: Vorerst ist für mich hilfreich, wenn ich weiss, was auf mich zukommen wird, wenn man mir die bevorstehende Situation möglichst genau erklärt. Dazu gehört beispielsweise, dass ich vorher gesagt bekomme, wer anwesend sein wird, wie es dort aussehen wird, was wir machen werden und was von mir erwartet wird.
    Ich wünsche mir, dass andere Personen in der Situation mir ganz klar sagen, was an Verhalten gerade gefragt ist. Es hilft mir, wenn sie mir zeigen, wo ich mich hinsetzen kann und was ich gerade machen soll. Ich bin froh, wenn Verständnis dafür da ist, dass ich zwar auch gerne unter anderen Menschen bin, dass es für mich aber günstig ist, wenn ich mich eher am Rande bewegen kann, so dass ich die Situation überblicken kann. Ich freue mich, wenn ich in Gruppen miteinbezogen werde. Es hilft mir, wenn mir eindeutige Fragen gestellt werden und ich mich so am Gespräch beteiligen kann. Ich bin froh, wenn mir wenig bekannte Personen nicht zu nahekommen. Ich schätze es, wenn ich zu sozialen Anlässen eine vertraute Person, z.B. eine Assistenzperson mitnehmen kann und diese Person selbstverständlich miteinbezogen wird. Meine Assistentinnen und Assistenten wissen am besten, wo ich meine Schwierigkeiten habe und was mir hilft, mich in den verschiedensten Situationen zurechtzufinden.Am einfachsten sind für mich Unternehmungen nur zu zweit, vor allem dann, wenn die andere Person klar und direkt kommuniziert – und wir gemütlich einen Berg hoch wandern …

    Zum ersten Interview «Soziale Kontakte als Herausforderung»

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