Interview: Wie erlebt eine Assistentin die Begleitung eines Jugendlichen mit Autismus?


Laura Ott ist 23 Jahre alt und studiert an der ETH Zürich Health Science and Technology (HST) im 7. Semester. Sie begleitet Jonas beim Besuch des Religionsunterrichtes, wobei dieser häufig in der Form von Ausflügen und Exkursionen stattfindet. Laura hatte kein spezifisches Wissen zu Autismus, als sie mit der Begleitung von Jonas anfing, und kannte Autismus nur aus dem Film „Jimmie“ mit Joel Basman.


Laura, wie bist Du eigentlich dazu gekommen, Jonas als Assistentin zu begleiten?


Das kam eigentlich durch Zufall so. Nicole (Anm.: Jonas’ Mutter) hat mich und meine Schwestern darauf angesprochen, ob wir uns vorstellen könnten, Jonas zu begleiten. Wir haben uns dann einmal zum Kaffee getroffen und Nicole hat uns über Jonas erzählt und worum es bei der Assistenz geht. Euch war ja wichtig, dass er am Unterricht teilnehmen kann, gut integriert ist und auch einmal mit jüngeren Menschen zusammen etwas unternimmt.


Was war für Dich persönlich am Anfang am schwierigsten?


Am Anfang wollte ich vor allem einfach nichts falsch machen. Ich wusste ja eigentlich noch nichts über den Autismus und kannte Jonas noch nicht so gut. Wie er reagiert und wie ich ihn einschätzen muss. Da habe ich mich einfach herantasten müssen. Ich habe zum Beispiel rasch gemerkt, dass es wichtig sein kann, einfach einmal still zu sein und nicht zu reden. Das ist nämlich gar nicht so einfach und zu Beginn war das schon etwas speziell für mich: einfach so nebeneinander herzugehen und nichts zu sagen oder einfach still auf dem Bahnhof auf den Zug zu warten.


Du sagtest, Du wolltest nichts falsch machen – denkst Du denn, Du hast etwas falsch gemacht?


Ich weiss gar nicht so recht – ich glaube aber eigentlich nicht, auf jeden Fall hat er nicht diesen Eindruck gemacht.


Ich denke, Du hast das sehr gut gemacht. Jonas ist nämlich ziemlich direkt und er hätte Dir wohl auch sehr direkt gesagt, wenn etwas nicht stimmt. Was würdest Du rückblickend anders machen?


Wahrscheinlich würde ich etwas entspannter an die Sache herangehen. Ich war beim ersten Mal schon etwas nervös. Aber für Jonas war es ja auch neu, mit mir unterwegs zu sein. Ich denke, wenn man sich vornimmt, flexibel und offen zu sein, ruhig zu bleiben und sich auf den anderen einzulassen, dann macht man schon sehr vieles richtig. Jonas hat mich zum Beispiel auf dem Heimweg nach unserem ersten Unterrichts-Besuch im Zug gefragt, ob er einmal ganz laut schreien soll, um die anderen Fahrgäste zu erschrecken. Natürlich war ich etwas überrascht, habe dann aber das gemacht, was eigentlich wohl jeder machen würde: Ich habe ihm erklärt, dass man das nicht darf. Prompt fragte er mich warum, worauf ich ihm erklärt hatte, dass sich die anderen Fahrgäste ärgern würden. Ein kurzes „Aha“ von Jonas – und die Sache war erledigt. Ist ja eigentlich gar nicht so schwierig – oder?


Was motiviert Dich an dieser Arbeit?


Die Arbeit mit Jonas ist schön, interessant, lehrreich – das gefällt mir! Besonders motiviert es mich, wenn sich Jonas freut – und Jonas freut sich oft! Dadurch gibt er mir Feedback, dass er gerne mit mir unterwegs ist und ich einen guten Job mache. Das motiviert mich natürlich sehr! Wir erleben viele schöne Momente, und ich lerne eine Menge über den Autismus, ich würde sagen über die Menschen generell – und ich lerne auch viel über mich selber. Toll ist auch, wenn er von sich aus ein Gespräch mit mir beginnt. Wie einmal, als er mich fragte, wie mir Miley Cyrus gefällt. Es ist ein richtiges Gespräch daraus entstanden, über Dinge, die ihn offenbar sehr interessieren. Diese „Gschpröchli“ mit ihm, die er manchmal von sich aus beginnt, die finde ich besonders schön. Wenn ich mit Jonas gearbeitet habe, bin ich jeweils sehr zufrieden. Manchmal bin ich auch ziemlich müde, denn es kann schon anstrengend sein, jemanden so eng zu begleiten und immer für ihn präsent zu sein. Es ist jedoch schön, dass mein Kopf jeweils völlig befreit ist vom Alltag und ich super entspannt bin, weil ich mich für einige Stunden nur mit Jonas, seiner Begleitung und meiner Arbeit als Assistentin befasst habe. Das gibt mir ein Gefühl grosser Zufriedenheit und die Gewissheit, etwas Wichtiges geleistet zu haben.


Erinnerst Du Dich an ein besonders schönes Erlebnis zusammen mit Jonas?


Wir erleben viele schöne Momente zusammen. Einmal nach einem Ausflug dachte ich, dass dieser Abend schwierig war für Jonas. Beim Verabschieden habe ich ihm dann gesagt: „Das war wohl ein strenger Abend für Dich, Jonas, nicht wahr?“ Völlig überraschend war seine Antwort: „Nein, das war ein schöner Abend!“ Wir gaben uns die Hand und er ist, wie er es immer tut, nach Hause gerannt und man hat ihm so richtig angesehen, wie zufrieden er war. Solche Momente sind einfach super – wer bekommt schon so unmittelbar und unverfälscht positives Feedback zu seiner Arbeit? Wann war es für Dich besonders herausfordernd? Besonders herausfordernd ist es immer dann, wenn der Ablauf und was uns genau erwartet im vornherein nicht genügend bekannt ist. Wie damals an einer Abendveranstaltung, wo ich nicht genau wusste, wie diese verlaufen wird. Wir waren zusammen mit vielen Leuten in einem grossen Saal, es war laut, niemand wusste, wer wir beiden sind. Es gab eigentlich kein richtiges Programm, wir haben einfach zu Abend gegessen, man wusste nicht genau, wie lange es geht und plötzlich sind die ersten aufgestanden und nach Hause gegangen. In solchen Momenten habe ich einfach die Mittel nicht, die ich benötige, um für Jonas eine Struktur zu schaffen. Ich kann ihm nicht erklären, was warum geschieht. Ich kann den Abend für ihn nicht „voraussehbarer“ machen, denn ich weiss ja selber nicht, was Sache ist.


Und was hast Du dann gemacht?


Ich habe an einem Punkt einfach entschieden, dass wir jetzt gehen. Das war wohl die richtige Entscheidung, denn er ging sofort seine Jacke holen und auf dem Heimweg war alles wieder in Ordnung. Da wurde mir auch bewusst, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn es einmal nicht optimal klappt. Jonas ist ja nicht aus Zucker und er zeigt mir ja sehr genau, wenn es für ihn nicht mehr stimmt. Und ich beobachte Jonas gut und sehe, wenn er unsicher ist. Oft hilft es dann schon, wenn ich ihm sage „komm, setz Dich neben mich“ oder „lauf mir einfach nach“. Jonas hört nämlich sehr gut zu und sucht, wenn er unsicher ist, den Blickkontakt zu mir. Dann kann ich reagieren und ihm die Situation oder das Vorgehen erklären. Jonas hat Vertrauen in mich, und das ist toll!


Wie reagieren eigentlich die Leute, wenn sie Euch beiden begegnen?


Ganz normal eigentlich. Natürlich fragen sich wohl viele, was denn das für eine Konstellation ist. Und viele Leute schauen schon anders, wenn wir beide auftauchen. Aber meistens nur kurz und ich habe noch nie unangenehme oder gar negative Reaktionen erlebt. Und wenn ich dann erkläre, wer wir beide sind, dann reagieren die Menschen immer positiv! Natürlich merken die Leute relativ schnell, dass Jonas anders ist. Aber weil ich mich auf meine Arbeit und auf ihn konzentriere, nehme ich das eigentlich gar nicht mehr war. Und mittlerweile kenne ich Jonas und seine „Spezialitäten“ ja auch recht gut, so dass mir das irgendwie gar nicht mehr auffällt. Jonas ist einfach wie er ist, und ich bin gerne mit ihm zusammen!


Du hast ja nun schon einige Erfahrung in der Begleitung eines Jugendlichen mit Autismus – was findest Du besonders wichtig?


Man muss bereit sein, sich auf den Menschen, den man begleitet, einzulassen. Und ihn auch in seiner Art zu akzeptieren. Wenn ich mit Jonas unterwegs bin, dann bin ich für ihn da, ich konzentriere mich auf ihn, bin auf ihn fokussiert – meine Präsenz ist bei ihm. Ich denke auch, der Kontakt zu den Eltern ist wichtig. Ich schätze Euer Feedback und dass ich Fragen stellen darf. Viele Fragen stellen – das ist ohnehin von grosser Bedeutung! Eine gute Kommunikation zwischen Eltern und Assistenz ist meines Erachtens sehr entscheidend. Dann hilft es sicher sich vorzunehmen, ruhig und gelassen zu bleiben – und offen zu sein. Flexibilität ist ebenso gefragt. Man kommt halt immer wieder auch in Situationen, die neu und unerwartet sind. Jonas „testet“ mich oft, auf eine verschmitzte und humorvolle Art. Er will sehen, wie ich reagiere – und lernt dann daraus. Und ich lerne auch und erweitere meinen Erfahrungsschatz – „Learning by doing“ sozusagen. Und natürlich hilft es auch, wenn man sich etwas schlau macht zum Autismus.