Ängste eines Autisten ausleben lassen?

      Ängste eines Autisten ausleben lassen?

      Hallo guten Abend,
      habe eine Frage. Würdet ihr bei einem Familienmitglied der Autist ist seine Ängste ausleben lassen oder besteht die Chance das man vieles antrainieren kann. War heute mit meinem Bruder auf einem Fastnachtsumzug. Aber das war ihm eigentlich viel zu laut sodas er sich bei einem Bekannten im Hauseingang verdrückte und er nicht mal raus kam um z.B. Süßigkeiten aufzuheben. Ich habe ihn mehrfach versucht zu animieren das er nach zu uns kommt und sich dazu stellt. Dann habe ich sie mal wieder wie so oft von meiner Mutter bekommen das ich doch kein Verständnis für meinen Bruder habe und das das halt so ist. Das ist übrigens oft ihre Standardausrede. Bin ich so ein Unmensch? Ich möchte ihn ja bestimmt zu nichts drängen. Aber gewisse Sachen kann man doch mal üben. Sonst zieht das ganze Leben doch an ihm vorbei und er wird immer mehr unzufriedener.
      Hallo Alexis72
      Die Frage ist doch, ob dein Bruder mit diesen Ängsten hadert und das Gefühl hat, sein Leben ziehe an ihm vorbei, oder ob dies nicht vielleicht eher dein Empfinden ist. Seine Unzufriedenheit, die du ja ansprichst, hat vielleicht andere Gründe. An der Fasnacht jemanden zum Teilhaben auffordern und dies mit ihm zu trainieren, würde ich nicht machen. Das ist nun vielleicht einfach nicht sein Ding (und so geht es ja auch vielen Nicht- Autisten, die lässt man ja dann damit auch in Ruhe...).
      Er hat eine andere Wahrnehmung als du. Wenn er sagt, es ist ihm zu laut, dann ist das nicht eine diffuse, unbegründete Angst, es ist seine Realität. Es tut ihm tatsächlich weh in den Ohren. Eine mögliche Lösung wäre da vielleicht ein Gehörschutz. Im Umgang mit meinem Sohn, der ebenfalls ein sehr empfindliches Gehör hat, bin ich zum Schluss gekommen, dass kreative und praktische Lösungen sinnvoller sind, als zu denken, er müsse das jetzt unbedingt so machen wie alle anderen.
      Ich glaube, grundsätzlich ist es gut, Menschen immer wieder zu ermuntern und zu ermutigen, über ihren Schatten zu springen, ob autistisch oder nicht. Aber niemals sollte man ihnen dabei das Gefühl geben, dass sie versagen, wenn sie es nicht tun oder nicht versuchen wollen. Dies könnte nämlich ebenso ein Auslöser für Unzufriedenheit sein: ständig das Gefühl zu haben, man sei "nicht normal" (was ja einfach bedeutet, nicht so wie der Durchschnitt), ständig zu denken, dass man in den Augen der anderen versagt.
      Bestimmt willst du dieses Gefühl deinem Bruder nicht vermitteln. Aber es kann sein, dass es sich bei ihm trotzdem so anfühlt, wenn du immer wieder versuchst, ihn zu etwas Bestimmtem zu animieren.
      Hallo Alexis72

      ​Aufforderungen haben doch immer irgendeine Art von Erwartungen dahinter. Das finde ich grundsätzlich schwierig. Denn werden diese Erwartungen dann nicht erfüllt, ist man enttäuscht und das merkt auch das Gegenüber. Und so entstehen eher ungute Gefühle und Unzufriedenheit, auf beiden Seiten. Daher finde ich persönlich, Aufforderungen im Sinne von 'komm doch mit an die Fasnacht' nicht unbedingt produktiv.
      ​Was es aber meiner Meinung nach oft braucht, sind Möglichkeiten teilzunehmen. Also viel mehr Angebote als Aufforderungen. Wir waren z.B. mit unserem Sohn an der Chilbi. Er fand das Karussell super, wollte aber auf keinen Fall draufsteigen. Es war ihm auch viel zu laut. Wir standen also längere Zeit einfach daneben. Hätten wir ihn aufgefordert draufzusteigen (fahr doch auch ein Mal mit, das macht sicher Spass o.ä.), wäre er sehr wahrscheinlich wütend geworden und/oder hätte geweint. Und das Ganze wäre für ihn in schlechter Erinnerung geblieben. Stattdessen habe ich ihn gefragt, ob er mitfahren wolle, ohne eine bestimmte Antwort zu erwarten. Als er nein sagte, habe ich es dabei belassen und dann etwas später nochmals gefragt. Da er immer noch nicht wollte, war es ok. Er fand es toll, der Musik zu zuhören und erzählt jetzt immer noch gerne davon. Er ist natürlich noch ein Kind und es ist nicht ganz das Gleiche bei einem erwachsenen Menschen.

      ​Jedoch trifft es auch für mich zu, dass ich Einladungen oder Angeboten eher folgen kann, als Aufforderungen. Ein Freund hat mich z.B. mehrmals aufgefordert an Treffen mit seinen Freunden teilzunehmen. Grundsätzlich habe ich mich sehr gefreut, dass ich auch teilnehmen durfte, doch war ich mit der Situation überfordert.(Es fällt mir schwer neue Menschen kennenzulernen. Das Ganze dann noch an einem unbekannten Ort, ohne klare Rahmenbedingungen, kurzfristig ('einige von uns treffen sich irgendwann heute Abend, komm doch auch), war für mich zu viel.) Einige Male habe ich versucht für mich etwas Klarheit rein zu bringen und bestimmte Dinge nachgefragt (z.B. wo das Treffen sein wird, was man machen wird, wer genau da sein wird usw.). Jedoch war das oft noch gar nicht klar und so hat es eigentlich nie geklappt, dass ich teilgenommen hätte. Das wiederum hat dann zu Enttäuschungen auf beiden Seiten geführt. Ich fühlte mich als Versagerin, weil ich es wieder mal nicht geschafft habe, normal zu sein und einfach ungezwungen neue Menschen zu treffen, mein Freund war enttäuscht, dass ich nicht dabei war.

      ​Was ich damit sagen will ist: frag ruhig deinen Bruder immer wieder, ob er mit dir irgendwohin gehen möchte usw. Aber erwarte keine bestimmte Antwort von ihm. Und wenn er nein sagt, frag ihn ab und zu warum. Vielleicht gibt es gewisse Dinge, die man ändern kann und es ihm leichter machen, etwas auszuprobieren. Eben z.B. mit der Fasnacht: vorher fragen, ob er mit will. Wenn nein, warum?, ist es ihm zu laut, fragen, ob er einen Gehörschutz mitnehmen will usw. Solche Fragen/Gespräche funktionieren bei mir aber immer nur im Vornherein, also nicht direkt in der Situation. (Warum willst du nicht aus dem Hausflur kommen? Könnte ich dann wohl eher weniger beantworten, wenn dann eher hinterher.) In der Situation selber, helfen mir öfters gemachte Angebote. Also eben z.B. mehrmals fragen, willst du auch zuschauen kommen? Oder auch willst du jetzt lieber nach Hause?

      ​Für mich war es dann einfacher einige Personen aus der genannten Gruppe zu treffen, als die Rahmenbedingungen klarer waren. Ein oder zwei hatte ich bereits kurz einzeln getroffen (das ist auch schon einfacher, als eine ganze Gruppe). Dann gab es ein Fest, wo ich auch eingeladen war und ich dann eben noch einige andere getroffen habe. Da war klar, wozu man sich trifft, wo das sein wird, wann es anfängt, was man da macht usw. Auch da war das Prinzip 'neue Menschen kennenlernen' für mich sehr anstrengend und herausfordernd, aber der Rahmen war so, dass ich es zulassen konnte.
      Hallo Pinguin, erstmal danke für deine Antwort. Aber ich muß meinen Bruder garnicht fragen ob er mit möchte. Er hat uns schon Tage vorher damit verrückt gemacht. Seine Frage waren: Was machen wir am Dienstag? Und was machen wir danach? Das ist ja das Problem. Er hat den "Zwang" das er da mitfahren muß. Und wenn das nicht geklappt hätte wäre was los gewesen. (Siehe meinen ersten Beitrag Aggressiver Autist).
      Ich habe ja Verständnis das er trotz seinen Ängsten mit möchte. Aber das Problem ist das er vor lauter Angst dann da steht und von allem nix mitbekommt. Ich möchte ja nur mit ihm üben. z.B. als wir vom Parkplatz zur Hauptstrasse gegangen sind, mußten wir an einer Kirche vorbei, vor der er auch sehr große Angst hat. Hatte aber keine Möglichkeit näher zu parken. Also mußten wir dort entlang. Und das ging. Er hat mich zwar gezogen wie verrückt, aber es klappte. Und das wollte ich auch erreichen als ich ihn aufforderte näher nach vorne zu kommen um die Bonbons aufzuheben. Habe versucht ihm zu erklären das ja eigentlich nix passiert.
      Kann mir nicht vorstellen das sie ihm Wohnheim diesen Ängsten immer nachgeben können.
      Hallo Alexis72

      Ich empfinde die Schilderung eurer Situation als restlos überfordernd und kräftezehrend sowohl für deinen Bruder wie auch für die ganze Familie.

      Mein Rat wäre der, so schnell wie möglich professionelle Hilfe zu holen. So kann das nicht weitergehen. Auf diese Weise könnte, muss nicht - kann aber - irgendwann mal etwas ganz Furchtbares geschehen und soweit würde ich es auf gar keinen Fall kommen lassen. Ich habe deinen Beitrag "Aggressiver Autist" gelesen und mit dem hier verglichen, woraus für mich der genannte Schluss resultiert. Was, wenn dein Bruder irgendwann mal aus lauter Angst - Angst ist meistens ein Alarmsignal - jemandem Schaden zufügt?

      Ich denke nicht, dass du ein Unmensch bist, wohl eher den Anforderungen nicht gewachsen, was keine Kritik ist, sondern vielmehr eine Feststellung, die wiederum darauf hinweisen will, dass ihr alleine mit allem nicht fertig werdet.

      Weiter kann niemand für einen anderen beurteilen, ob das Leben an diesem vorbei zieht oder nicht. Das muss nun wirklich jeder für sich entscheiden, und selbst dann gibt es Dinge, die man nie im Leben wird realisieren können, doch das bedeutet nicht, dass man auf diese Weise "etwas verpasst". Im Laufe der Zeit wird man erkennen - die einen früher, die anderen später oder andere wiederum vielleicht auch gar nicht - dass nicht alles, was man sich wünscht oder vornimmt, umsetzbar ist. Es kommt auch vor, dass sich Perspektiven verändern und man feststellt, dass ein angestrebtes Ziel nicht mehr stimmig ist. Das ist die Realität und bedeutet in keiner Weise, dass man in irgendeiner Form versagt hat.

      In einem Wohnheim werden die Fachleute wissen, wie mit den Ängsten deines Bruders umzugehen ist, davon bin ich überzeugt. DIe Option Wohnheim wird, so denke ich, für alle die beste sein. Es klingt hart, ich weiss, aber manchmal gibt es einfach Grenzen, die man überschreiten muss, will heissen, dass man, wenn die Anforderungen zu gross werden, auch "unmenschliche" Entscheidungen wie zum Beispiel eine Heimeinweisung in Erwägung ziehen muss.

      Ich wünsche euch allen die notwendige Kraft, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und, wenn eine getroffen ist, mit der neuen Situation möglichst gewinnbringend umgehen zu können.
      Hallo Regenbogen, ja da hast du ganz recht. Ich bin mit dieser Situation vollkommen überfordert. Auf der einen Seite versuche ich mein eigenes Leben in den Griff zu bekommen und meinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und auf anderen Seite sind da meine Mutter, die seit dem Tod unseres Vaters vollkommen depressiv geworden ist und manchmal wird sie auch sehr ungerecht mir gegenüber. Und da ist ja auch noch mein Bruder. Gegen den ich manchmal ziemlich Hass empfinde wenn er wieder so austickt und dann tut er mir dann auch manchmal leid. So wie an Fastnacht. Er möchte ja immer mit uns fahren, was ich auch nach vollziehen kann, aber wenn er dann mitfährt, ist er immer voller Angst...
      Das stimmt das er in einem Wohnheim besser aufgehoben wäre. Die wissen wie man mit diesen Ängsten umgeht. Ich bin da derselben Meinung. Aber unsere Mutter möchte/kann einfach nicht los lassen. Sie hat ihn zwar jetzt für ein Wohnheim angemeldet was hier in unserer Nähe gebaut wird. Aber da ist noch nix entschieden. Und über die Brücke gehe ich noch nicht. Dafür kenne ich unsere Mutter zu gut. Für mich ist das ganze einfach nur verdammt anstrengend.
      Hallo Alexis72

      Das mit dem Über-die-Brücke-gehen kann ich gut nachvollziehen. Und wieder klingt es hart, wenn ich schreibe, dass du dich auf dich konzentrieren solltest und deiner Mutter klar kommunizierst, dass du ein eigenes Leben hast. Auch kann niemand von dir verlangen, dass du dich um deinen erwachsenen Bruder kümmerst.

      Ich kenne eine ähnliche Situation von einer Bekannten, die wie du eine depressive Mutter hat, welche ihre Tochter, sie ist 45 Jahre alt, nicht ihr eigenes Leben führen lassen wollte. Es hat Jahre gedauert, bis die Bekannte endlich den Mut gefunden und sich von ihrer Mutter getrennt hat. Heute geht es ihr viel besser.

      Gut, ich schweife vom eigentlichen Thema ab, dies nur so als Randbemerkung, denke aber, dass du unter der Situation sehr leidest, daher rate ich dir aus eigener Erfahrung: warte nicht zu lange mit einer halt auch radikalen Veränderung der Umstände, denn irgendwann kommt der Moment, an dem du die Konsequenzen, welcher Art auch immer, zu spüren bekommst.

      Eines will ich noch anfügen: es ehrt dich, dass du für deine Familie da bist! Trotz allem darfst du dich selber nicht ausser Acht lassen - leichter geschrieben als getan, ich weiss ...

      Viel Glück :)