Autismus-Spektrum-Diagnosen und DSM-5

      Autismus-Spektrum-Diagnosen und DSM-5

      Ich möchte meine Berichterstattung mit einem Thema zur Diagnostik beginnen, da dies doch offenbar viele beschäftigt und interessiert.
      In Budapest wurde oft auf das neue Diagnose-System DSM-5 Bezug genommen, insbesondere auch in einem Referat im Plenum von Joaquin Fuentes (Spanien). Zur besseren Lesbarkeit möchte ich den Beitrag gerne in einer Frage-Antworte-Form präsentieren:

      Was heisst DSM-5?

      Das Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorder (DSM) ist ein wichtiges Diagnose-System für sämtliche psychischen Störungen und wird von der amerikanischen (USA) Psychiater-Vereinigung herausgegeben. Die letzte Version (DSM-IV) stammte aus dem Jahre 1994 und war insbesondere im Bereich Autismus völlig veraltet und überholungsbedürftig. Im Frühling 2013 ist nun also nach fast 20 Jahren die 5. Version erschienen.

      Was ist neu im Bereich Autismus ?

      Neu ist in erster Linie, dass die Vielfalt von verwirrenden Begriffen (Autismus, Asperger, Atypischer Autismus, Tiefgreifende Entwicklungsstörung, Rett-Syndrom, usw.) ersetzt wurde durch den einheitlichen Begriff Autismus-Spektrum-Störung. Dieser Begriff wurde möglichst genau definiert, so dass er auf der ganzen Welt einheitlich gebraucht wird. Dies ist insbesondere für die Forschung sehr wichtig.

      Was ändert sich nun für die Betroffenen ?

      Für die Betroffenen ändert sich vorerst gar nichts. Es muss betont werden, dass das DSM-5 primär nur für die USA verbindlich ist und es ist offen, wie weit der Rest der Welt diese Veränderungen mitmacht. Dies wird endgültig klar, wenn die 11. Version des ICD-Katalogs erscheint (International Classification of Disease), und dies wird frühestens 2015 der Fall sein.
      Mittelfristig ist zu erwarten, dass Autismus-Spektrum-Störungen aufgrund der neuen diagnostischen Kriterien etwas enger gefasst und vermutlich etwas weniger häufig diagnostiziert werden. Dies gilt selbstverständlich in erster Linie für Länder und Gegenden, wo Autismus heute in bis zu einem Prozent der Bevölkerung diagnostiziert wird (England, USA, Australien, Skandinavien), was im deutschsprachigen Raum bis jetzt keineswegs der Fall war.

      Wo liegen die Vorteile des DSM-5?

      Abgesehen von der Klärung und Vereinheitlichung der Begriffe sehe ich einen grossen Vorteil darin, dass dem klinischen Diagnostiker doch ein gewisser Spielraum gewährt wird. So wird z.B. mehrfach darauf hingewiesen, dass sich durch vergangene und aktuelle therapeutische Bemühungen das Erscheinungsbild von Autismus erheblich verändern kann und für eine Diagnose nie alle im DSM-5 aufgezählten diagnostischen Kriterien gleichzeitig erfüllt sein müssen. Entsprechend wichtig ist eine möglichst genaue Erfassung der Vorgeschichte und die Berücksichtigung der vergangenen und aktuell laufenden Massnahmen. Zudem wird die Symptomatik in 3 Schweregrade eingeteilt, die sich durch die Intensität des Unterstützungsbedarfs unterscheiden: moderat, mittelgradig, und intensiv.

      Was geschieht mit weniger stark Betroffenen, die dennoch Hilfe benötigen?


      In den USA hat bereits eine heftige Diskussion begonnen rund um die Befürchtung, dass Kinder, die bisher die Diagnose Asperger-Syndrom oder "Nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung" erhielten, in Zukunft durch die Maschen fallen könnten. Dabei muss allerdings folgendes beachtet werden:
      In engem Zusammenhang mit dem Kapitel Autismus-Spektrum wird im DSM-5 eine neue Diagnose-Kategorie eingeführt, welche im Original "Social Communication Disorder" heisst (deutsch: Störung der sozialen Kommunikation). Hier würden genau jene Kinder erfasst, welche bisher zum sogenannt milden Teil des Autistischen Spektrums gehörten. Es versteht sich von selbst, dass auch diese Diagnose-Kategorie zu entsprechenden Unterstützungs- und Therapiemassnahmen berechtigt, nur werden diese in der Regel weniger intensiv und weniger frühzeitig nötig sein.

      Wird es den Begriff Asperger-Syndrom in Zukunft also nicht mehr geben?

      Die Antwort lautet Ja und Nein. Es ist absehbar, dass es auf offizieller wissenschaftlicher Ebene (Forschung!) in Zukunft diesen Begriff irgendwann nicht mehr geben wird. Auf der anderen Seite hat sich der Begriff Asperger-Syndrom auf der ganzen Welt als Synonym für all jene etabliert, welche zwar über gute sprachliche und intellektuelle Fähigkeiten verfügen, auf Grund ihrer sozio-emotionalen Schwierigkeiten aber dennoch auf Unterstützung angewiesen sind und nach wie vor einem grossen Risiko ausgesetzt sind, im Erwachsenen-Alter ohne Beschäftigung dazustehen. Diese Betroffenen und ihre Angehörigen werden den Begriff Asperger-Syndrom weiter benutzen und sich damit identifizieren. Auch Joaquin Fuentes, welcher als Kinder- und Jugendpsychiater die Seite der Fachleute vertrat, argumentierte in diesem Sinn. Die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung klassifiziert Symptome, nicht Menschen. Die Betroffenen sollen selber entscheiden, wie und mit welchen Begriffen sie sich selber charakterisieren möchten. Dies bedeutet ja insbesondere auch, sich nicht nur darüber zu definieren, was man nicht gut kann, sondern auch über seine besonderen Fähigkeiten.