Woher die Geduld nehmen?

  • Liebe Alle

    Oder vielleicht liebe Eltern von Kindern mit Autismus...woher nehmt ihr die Geduld, immer und immer wieder auf die Eigenheiten eurer Kinder eingehen zu können? Puh...ich habe zwei Asperger-Jungs im Alter von 12 und 15...und werde ihnen immer wieder überhaupt nicht gerecht! Insbesondere der Jüngere mit seinen vielen Tics, Zwängen und Widerstand fordert uns extrem...ich hätte so gerne die Geduld, seinen Standpunkt immer wieder durch die "Autismus-Brille" zu betrachten, mein Tempo an seines anzupassen, die x-te Wiederholung seines Spezielinteresse-Monologes anzuhören, all sowas...aber ich schaff es einfach nicht. Ich werde manchmal richtig gemein wenn er mir schon morgens mit seinem lauten Getue auf den Wecker geht...da kann ich mir lange sagen dass das keine Absicht ist usw. es streeeeesst einfach...nur schon wegen unserer Wohnung bzw den Nachbarn und seiner Lautstärke ist mein Stresspegel schon nach dem Aufstehen viel zu hoch...kennt ihr so etwas? Auch das Verhalten von ihm in der Öffentlichkeit lässt mich nicht kalt...wenn er mich in der Tram blöde Namen nennt oder mich nachäfft, uah einfach peinlich, wie geht ihr mit so was um?

    Ich möchte gelassen sein und ihn so akzeptieren wie er ist, aber er überschreitet so oft meine eigene Grenze, das macht es echt schwer...habt ihr mir einen Tipp?

  • Hallo bigMaMa


    Ich kann dich gut verstehen. Wir sind gerade im Urlaub und wenn ich auch noch so gut weiss, dass er nichts dafür kann und naturgemäss mehr unter Stress steht als in der gewohnten Umgebung, geht es mir trotzdem auch auf die Nerven und schaffe ich es nicht immer ruhig zu bleiben. Ich denke ein Stück weit ist es halt einfach normal. Mir hat da die Aussage von unserer Heilpädagogin sehr geholfen: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern solche, die es möglichst gut machen. Schon nur, dass du diese Frage stellst, zeigt denke ich, dass du zu diesen Eltern gehörst. 😊 Was ich damit sagen will: es wird immer mal wieder passieren, dass du nicht verständnisvoll reagierst.

    Ansonsten was bei mir ab und zu hilft, ist tief durchatmen, innerlich einen Schritt zurücktreten um mir in Erinnerung zu rufen, wie es ihm gerade geht. Auch Ablenkung wie z.B. etwas singen oder so, hilft mir manchmal (wobei ich das nur zu Hause und nicht in der Öffentlichkeit mache 😉) Falls du es nicht schon kennst kann ich dir auch eine Ideensammlung von der Aspergerhilfe empfehlen, bezieht sich zwar eigentlich auf Krisen, kann denke ich aber auch in der Situation helfen.


    Liebe Grüsse, bscmom

  • Hallo bigMaMa

    In der heutigen Zeit ist Ruhe, Gelassenheit und Geduld einer der Tribute die am meisten gesucht werden. Es gibt viele Workshop, Fortbildungen und Gruppentreffen darüber.....dass muss ich dir nicht vermitteln. Ein wichtiger Bestandteil ist deine eigene Sensibilität, besser gesagt ein eigenes sich Selbst spüren....Mir hilft dies enorm. In den Jahren habe ich gelernt auf meine Wut, Ärger oder Frustration zu hören. Es gibt Tage da reagiere ich stark auf die Tics unseres Sohnes und ich habe gelernt darauf so ein zu gehen, dass es mich nicht selbst erstickt oder mein Befinden erdrückt. Verstehst du was ich meine? Ich habe gelernt mir meine ganz persönlich Ausszeit zu geben. Statt am Vormittag, wenn unser Junge i.d. Schule ist, den Haushalt zu schmeissen nimm ich mir Zeit für mich. Sei es faul auf der Couch zu legen, ein Buch zu lesen, Spaziergang durch den Wald zu machen, allein schwimmen zu gehen etc......in dieser Zeit mache ich meinen Kopf frei. Es ist natürlich verbunden mit deiner Erwartungshaltung dir selbst gegenüber. Als Mutter, Ehefrau, Berufstätige, Hausfrau will man allen gerecht werden....hmmm und du, wie wirst du dir gerecht? Wenn man (Frau) mit sich im reinen ist, kommt da nicht auch die Gelassenheit. Ich bin davon überzeugt, dass du in der Erziehung deiner Kinder gerecht wirst. Wieso müssen wir immer still sein, eher gesagt ruhig reagieren? Ich bin der Meinung, dass unsere Kinder auch wenn Sie ASS haben uns schreien hören dürfen, uns rummeckern hören dürfen. Vorausgesetzt es ist nicht immer so oder bei jeder Kleinigkeit so.....

    Ich selber spüre mich dabei, ich lebe.....viel wichtiger ist es danach zu sagen.....ups jetzt war Mami auch mal laut.....und dabei verschmitzt lächeln. Es ist nach meinem Empfinden gar nicht möglich immer ruhig zu bleiben.....viel wichtiger ist es ein Ventil zu finden indem wir als betroffenen Eltern uns bewusst sind wann wie und wo können wir dieses benutzen. Ich muss jetzt schmunzeln....einmal hatte unser Sohn sein Schreitic bekommen, weil es in einer Situation nicht möglich war ihm den Rahmen zu geben den er benötigt hätte....ich war an diesem Tag sehr schlecht drauf....eher gesagt sehr müde da ich eine Schlaflose Nacht hatte.....statt ruhig zu bleiben....schrie ich einfach mit.....

    Naja du kannst dir denken was passiert ist, es eskalierte, Türen wurden zugeknallt und unser Sohn verschwand in seinem Zimmer. Mir ging es gegenüber ihm schlecht, ich bekam ein schlechtes Gewissen und dachte oh was hast du getan....sofort kam der Gedanke eine schlechte Mutter zu sein......Ich ging in die Küche nahm ein Schluck kaltes Wasser, ging raus auf die Terrasse atmete tief ein und dachte...tja das was....jetzt muss ich mit vermehrten Tics, Übelkeit, Kopfschmerzen etc. rechnen.....doch es kam anders.....

    Nach der Terrasse ging ich Richtung Zi. unseren Jungen, klopfte leicht an und ging hinein. Er lag auf dem Bett und hörte Musik im Arm unsere Hündin, ich sass mich mit gebürdigen Abstand neben ihn. Wir sassen ca. 10 min. nebeneinander ohne ein Wort zu sagen, ich wollte gerade um Verzeihung bitten, als unser Sohn mich fest in den Arm nahm und sagte, jetzt weisst du wie es mir jeden Tag geht......

    Was ich dir damit sagen möchte.....manchmal ist es viel wichtiger sich selbst zu sein, als so zu sein wie andere uns haben möchten. Unsere Kinder machen es uns ja vor.....versteh mich jetzt nicht falsch. Das ist jetzt kein Aufruf schreiend durch das Haus zu laufen und nur noch dass zu machen was man will oder spürt......es ist einfach nur ein Aufwinken ......trau dich auch mal ein anderes ich zu sein, vielleicht ein freieres interessantes und tiefes Ich - Selbst.

    Zu deiner Frage wie man Geduldiger werden kann....hmmm .....Atemtechnik und die Ausszeit machen die ich erwähnt habe.....und sich trauen auch mal nein zu sagen und dazu stehen.......du wirst überrascht sein!

    Herzlichste Grüsse Ela