Lärmempfindlichkeit

  • Was tun, wenn man unter Lärmempfindlichkeit leidet? Bei ASS ja kein unbekanntes Thema. Ich lebe auf dem Land, da würde man annehmen, dass es da ruhig und beschaulich zu und her geht. Das war einmal, vor über 20 Jahren. Seitdem hat sich der Verkehr, wenn man sich mal auf die Höhe der Nummern der Nummernschildern achtet, gut verdreifacht. An unserem Grundstück, ich bin "glücklicher" Besitzer einer Liegenschaft, führt eine Strasse vorbei. Diesen Sommer war ich, krankheitsbedingt, an Zuhause "gefesselt", das heisst, ich konnte nicht einfach weg. Da ich sehr lärmempfindlich bin, habe ich sehr gelitten, dies wiederum hat zu weiteren Komplikationen geführt, die den Teufelskreis des ASS in meinem Fall noch verstärkt haben. Es herrschte, auch jetzt im Herbst bei schönem Wetter, herrscht immer noch reger Verkehr, vor allem von Motorrädern. Da wir zudem an einer abschüssigen Strasse leben, wird der Lärm durch die das lustvolle Gasgeben noch erheblich gesteigert. Dazu muss ich beifügen dass wir an einer von Motorradfreaks gern frequentierten Voralpenroute leben. Erschwerend kommen die allgegenwärtigen, immer grösser werdenden Traktoren, die ebenfalls auf Grund der Steigung einen enormen Lärm verursachen, hinzu. Vom Gestank der Abgase gar nicht erst zu reden. Da von einerTendenz der Zunahme des Verkehrs in den kommenden Jahren auszugehen ist, frage ich mich, was ich denn, zum Schutz meiner Selbst unternehmen kann. Lärm führt zu Stress, welcher, wie bereits erwähnt, aufgrund des tagsüber wirkenden Dauerzustandes, zu weiteren Komplikationen führt. Im Tragen eines Gehörschutzes, wie man ihn auf Baustellen antrifft, sehe ich nicht wirklich eine Hilfe, da ich zudem unter permantem Tinnitus leide. Ich schliesse damit den äusseren Lärm ein wenig aus und werde durch den "inneren" Lärm terrorisiert.
    Ein weiteres "Hilfsmittel" sind Beruhigungsmedikamente, die wiederum über ihre Nebenwirkungen Schaden ausüben. So stecke ich in einem Szenario, dem ich nicht ausweichen kann.
    Ich brauche sehr viel Ruhe, und die finde ich je länger je weniger. Die Versuche, mich "umzupolen", will heissen, die Geräusche nicht mehr so intensiv und bewusst wahrzunehmen, scheiterten in Therapien. Ich kann die Empfindlichkeit nicht einfach wie mit dem Umlegen eines Schalters ablegen. So wird jedes Geräusch zur Qual wie auch zu einem Kampf, weil ich gegen die Wahrnehmung versuche anzukämpfen, was wiederum Stress pur bedeutet. So dreht sich die Spirale unaufhörlich weiter. Es ist grotesk, aber ich habe mir jedes Wochenende schlechtes Wetter gewünscht, verbunden mit der Hoffnung, dass dadurch weniger Freizeitfahrer unterwegs wären. Beim vergangenen Super - Sommer ein von wenig Erfolg gekröntes Unterfangen.
    Die Frage bleibt, was ich für ein bisschen Ruhe unternehmen kann. Yoga, Meditationen etc, was ich alles schon versucht habe, führen zu keinen Resultaten. Fliehen wird wohl die einzige Alternative bleiben, doch wohin und vor allem, womit? Als IV-Rentner lebe ich am Rande des Existenzminimums, da liegen mehr als ein bis zwei Wochen Ferien nicht drin. Und selbst die sind auch nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Wenn ich Ruhe in den Ferien finde, ist die Rückkehr danach umso schlimmer. Was bleibt, sind letzlich wirklich nur die Medikamente, die mich dermassen müde machen, dass ich die Tage fast nur mit Schlafen verbringe, was mit wiederum auch nur mit mässigem Erfolg gelingt, da ich sogar unter Medikanteneinfluss auf Geräusche reagiere und dementsprechend kaum Schlaf finde. Was also tun?

    Regenbogen ?(

  • Hallo Regenbogen

    Mein Sohn empfindet genau wie Du. Er leidet richtig stark unter Lärm... Wir wohnen auch an einer Strasse und es erfüllt ihn dann jeweils richtig mit Wut, wenn es draussen so laut ist.
    Ruhe hat er gefunden mit einem Gehörschutz mit Musik (also integriertem Radio). Diesen trägt er sehr lange und oft tagsüber. Interessanterweise sucht er mit diesem Gehörschutz sogar in gewissem Masse Lärm: Er geht dann jeweils in seine Holzwerkstatt und arbeitet am Holz. Und das ist weiss Gott nicht leise, aber offenbar fühlt er sich genug geschützt, dass er dann am Holz arbeiten kann. Allerdings braucht er die Gewissheit, dass jemand zu Hause ist und es muss Tageslicht vorhanden sein.

    Wie ist das bei Dir? Suchst Du wirklich nur die totale Ruhe oder kannst Du, unter gewissen Umständen, auch etwas für Dich machen, was Lärm verursacht?

    Gruss
    Patch

  • Hallo Patch

    Ich finde es sehr gut, wenn dein Sohn den Lärm auf diese Weise ausblenden kann. Ich glaube, dass er den "selbstproduzierten" Lärm eher akzeptieren kann, weil er ihn steuern kann. Das ist natürlich eine äusserst wert- und sinnvolle Lösung.
    Das Hören von Musik über Kopfhörer oder Stöpsel über einen längeren Zeitraum geht bei mir nicht, das habe ich bereits ausprobiert. Ich höre gerne Musik, aber über Lautsprecher, da so die Geräuschquelle nicht direkt am Kopf liegt.

    Das mit dem Tageslicht kann ich gut nachvollziehen, auch ich brauche es unbedingt. Ich arbeite als Maler im Heizungsraum unseres Hauses und dort ist es total finster, wodurch ich nicht lange arbeiten kann. Mein Traum wäre ein richtiges Atelier mit grossen Fenstern, durch die ich auch die Landschaft erleben, die Gedanken, die Gefühle schweifen lassen kann, die dann ihrerseits wieder in meine Werke einfliessen würden.

    Ich suche wirklich die absolute - oder wie du es nennst - die totale Ruhe. Es lässt sich beispielsweise beim Staubsaugen - ich bin neben meiner künstlerischen Tätigkeit auch Hausmann - nicht vermeiden, dass Lärm entsteht, doch den muss ich möglichst zeitlich begrenzt halten, da sich dadurch mein Tinnitus verstärkt.

    Eine einzige angenehme "Lärmquelle" gibt jedoch: das Rauschen des Meeres. Durch die Rhythmik der Wellen entsteht, verbunden mit deren Anblick, eine innere Ruhe. Durch die Intensität des Brechens der Wellen wird sogar der Tinnitus übertönt und diese kurzen Momente sind für mich Ausdruck von innerem Frieden. So würde ich gerne an einem Meer leben weil ich denke, dass es mir dort wesentlich besser gehen würde. Nur leider liegt die Schweiz an keinem Meer ...

    Gruss Regenbogen

  • Lieber Regenbogen

    Uiii schwierig. Ja, da hat es mein Sohn offenbar leichter. Die Ruhe, die Du suchst ist schwer zu finden und kaum mit unserem Leben in der Schweiz vereinbar. Staubsaugen ist für meinen Sohn auch ganz schlimm. Er geht auch wegen dem "Lärm" nicht gerne in die Dusche... bei ihm sind solche Sachen mit grossem Stress, aber auch Angst verbunden.
    Das mit dem Meer kann ich sehr gut nachfühlen, das geht mir ebenso. Aber ich habe dieses Gefühl auch, wenn ich in den Bergen, abseits des Trubels bin oder im Wald, wenn es ganz ruhig ist und man nur die Natur hört.

    Da ist guter Rat teuer. Ich denke, dass da wirklich nur Meditation oder ähnliches hilft. So dass Du Dein "inneres Meer" bewusst herbei führen kannst um etwas zur Ruhe zu kommen.

    Liebe Grüsse
    Patch

  • Hallo Regenbogen

    Ich habe eine Bekannte, die in Thun mit Klängen den Tinnitus behandelt. Man lernt da irgendwie hinzuhören und den Tinnitus auszublenden. Das würde ev. auch bei Lärm funktionieren. Wäre sicher ein Versuch wert oder zumindest eine Abklärung bei ihr, wie sie genau arbeitet.
    Leider hat sie mir das nur einmal kurz zwischen Tür und Angel erklärt, darum weiss ich nicht ganz genau, wie es funktioniert. Nachfragen könntest du ja selber mal.

    Grüessli
    Jris

  • Hallo Iris,

    klingt interessant. Ich habe schon verschiedene Therapien bezüglich meines Tinnitus durchlaufen - bei mir scheint nichts zu greifen ...
    Eine Frage: Wo oder bei wem soll ich nachfragen? Aus deinem Beitrag kann ich leider keine Schlüsse auf einen Anhaltspunkt ziehen, sorry :huh:

  • Alle Jahre wieder ...

    Die Freude am Frühling ist bei mir ambivalenter Art. Einerseits freue ich mich an dem Erwachen der Natur, andererseits muss ich mich im Haus - hier möglichst im Keller, da unter der Erde liegend, will heissen schallmindernd - verkriechen, da draussen - in der Natur - der Lärm unerträglich wird. Unzählige Motorräder, Traktoren so gross wie LKW's, Unmengen Autos, Rasenmäher, Motorsägen, Militärjets, Privatflugzeuge - ich halte das nicht mehr aus! Wenn ich die Anzahl aller Störauslöser eines Tages zusammenzähle, dann lande ich irgendwo bei nahe 1500 ... und das ist erst der Anfang. Zu dem Lärm muss ich dazu noch die Abgase erwähnen, die nicht unerheblich sind, da wir an einer aufwärtsführenden, sprich energieaufwändigen, Strasse leben. Dazu kommen die lieben Nachbarn, die was weiss ich wie oft in ihre Autos hetzen um die Kinder - jedes für sich, versteht sich - in die Schule, zum Sport, zum Musikunterricht etc. zu fahren. Nicht zu vergessen das Knallen der Haus- und Autotüren.

    Es vergehen - angefangen Punkt 09.35 Uhr mit den Militärjets, die jeden Werktag über uns hinwegdonnern - keine 5 Minuten ohne Lärm und das bis in den späten Abend.

    In der Zeitung habe ich gelesen, dass das Verkehrsaufkommen in unserem Kanton jedes Jahr um 2 - 5 % steigt. Ich lebe nun seit 25 Jahren an diesem Ort, das macht dann mal ... % - ich mag es gar nicht ausrechnen. Fakt ist, dass die Lebensqualität für mich gegen den Nullpunkt sinkt. Was tun? Mir wurde ein "Noice cancelling"-Gerät empfohlen. Damit hört man so gut wie nichts von aussen - nur: das Teil strahlt aus und das wiederum verursacht bei mir Kopfschmerzen - ich bin sehr strahlungsempfindlich. Ich kann es drehen wie ich will: ich finde keine Ruhe und das verursacht enormen Stress, der seinerseits einiges anderes gesundheitschädigendes auslöst.

    Mir ist bewusst, dass ich die Welt nicht verändern kann. Die Bewohnerzahlen steigen, uns geht es in der Schweiz gut, das heisst, man hat Geld für zum Beispiel Motorräder, mit denen man in der Freizeit in der Gegend herumkurvt und die "Natur und die Freiheit geniesst", oder sogar für Flugzeuge, die in zunehmender Zahl über den Ortschaften am Himmel kreisen.

    Als Autist bin ich - leider - sehr sensibel, nicht nur was die Gefühle anbelangt, was ja, so kann man das nennen, schön ist, sondern auch auf Lärm. Die Reizüberflutung immer umfangreicher werdenden Umfanges ist dermassen intensiv, dass ich manchmal denke, ich drehe durch.

    Die Welt wird immer lauter, der Platz immer weniger, die Lebensqualität ist - fast - nicht mehr vorhanden. Wohin wird uns das alles noch führen??? Ist der Wohlstand wirklich in diesen Ausmassen erstrebenswert? Fragen, die nicht nur mich mit Furcht erfüllen.

  • Hallo Regenbogen,

    ich bin Asperger und zen-buddhist-lerne joriki (Achtsamkeit)-lebe im Hier und Jetzt-wir haben alle eine Verabredung mit dem Moment-wenn wir diese Verabredung einhalten-gelangen wir an die Quelle und die Angst hört auf zu existieren. Übe dies im Wald, an einem Bach, wenn der Regen fällt-lass die Gedanken kommen und gehen-sei abends draussen-lege Dich in die Wiese und betrachte den Sternen himmel-achte auf die Geräusche der Natur-nimm Kontakt mit dem Ewigen auf-dies übe ich stundenlang mit meinen zwei Katzen, wenn wir nachts zusammen unterwegs sind-Katzen haben alle Asperger.

    satori7

  • Das ist gut gemeint - danke für den Beitrag. Es ist so, dass ich vieles versucht habe, sei es Mediation, Yoga etc. Mein - und damit bin ich nicht alleine - Problem ist, dass ich nicht abschalten kann. Gedanken kommen lassen: wirklich tolle Idee, aber: es werden immer mehr, das Eine stösst das Nächste an, und so weiter. Abschalten? Fehlanzeige. Theoretisch wüsste ich es im Grunde, aber umsetzen? Das Nicht-abschalten-können ist leider ein unter Autisten weitverbreitetes Übel. Mein Gedankenkarrussel dreht sich sogar unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln munter weiter - ich scheine gegen jegliche Mittel aus diesem Segment immun zu sein. Und so weiter und so fort.

    Nun denn, ich freue mich, dass du mit den von dir geschilderten Methoden Erfolg hast. Weiterhin gutes Üben mit deinen beiden Katzen. Den Spruch, dass Katzen alle Asperger sind, habe ich noch nie so wirklich begriffen ...

  • Salut Regenbogen

    Bist du noch aktiv hier? Falls ja, würde ich mich gerne zum Thema austauschen. Mir hat diesbezüglich bisher niemand so sehr "aus der Seele" geschrieben wie du. Es ist ein Thema, das auch mich sehr ängstigt. Es geht nicht nur um das momentane Leid; die Reizüberflutung, die Wut, den Stress ... Sondern, wie du sagst, um die Angst um (lebenswerten) Lebensraum. Für mich fühlt es sich geradezu existentiell an. Ich bin aufs Land gezogen, weil ich es in der Stadt kaum aushalte, aber auch hier ist es an gewissen Tagen absolut grenzwertig bzgl. Lärm vom Strassen- und Flugverkehr, Gartenarbeit, Landwirtschaft ... Die Motorräder sind wirklich am Schlimmsten. Naturgeräusche werden mir selten zu intensiv, aber um nur die um sich zu haben, müsste man ja schon irgendwo ganz tief im Wald wohnen.

    Ich mache mir also Sorgen um eine Zukunft, die immer lauter und lauter wird.

    PS: Dein Beitrag ist schon von 2018, seither ist es ja vermutlich noch extremer geworden. Nur Covid brachte etwas mehr Stille mit sich, war dafür sonst eine sehr schwierige Zeit.

    Edited once, last by Nocturnal (June 26, 2024 at 11:37 PM).

  • Hallo zusammen

    Ich bin neu im Forum, 48, w. (Noch) nicht ASS-diagnostiziert, bei Tests zeigen sich teils deutliche Tendenzen, jedoch «falle ich im empathischen Bereich durch». Vieles aus meinem Leben passt gut zu ASS, sodass der Verdacht (durch eine Psychologin angeschubst) schon nicht abwegig ist. Mein Lebensweg wurde allerdings vor einigen Jahren anders gezeichnet durch ein tiefschürfendes Ereignis, aus dem ich unter anderem im Gefühlsleben und in der Empathie ziemlich verändert hervorgegangen bin. Lärmempfindlichkeit ist auf jeden Fall in meiner aktuellen Krise ein grosses Thema.

    Ich habe eine schöne Wohnung mit einer grossen, grünen Terrasse, die mein Wohlfühlort ist. Zwar verläuft auf der anderen Seite des Hauses eine Hauptstrasse, aber es vermag einen Grossteil des Strassenlärms zu schirmen und die Terrasse geht zum geschützten Innenbereich zwischen den Häusern. Ich tue viel für meine Oase, finanziell – die Wohnung ist nicht gerade günstig – und arbeitstechnisch – die vielen Pflanzen erfordern viel Pflege, sind aber meine Leidenschaft. Dafür kann ich mich hierher zurückziehen und aus der mühsamen Welt wegtauchen. Zumindest im Normalfall.

    In den letzten fünf Jahren wurde nebenan eine neue Überbauung hingestellt, die Riesenbaustelle war eine langgezogene Lärmkatastrophe. Nun ist sie endlich fertig und ich freute mich auf wieder mal erholsame Sommerferien. Diese hätte ich dringend benötigt, da es mir in der Folge einiger Ereignisse seit Anfang Jahr überhaupt nicht mehr gut geht und ich teilweise oder komplett krankgeschrieben bin. Meine Vorfreude aufs Energie-tanken-Können wurde torpediert, als bei der Döner-Bude direkt vis-à-vis die Lüftung zu brummen begann. Ein konstantes, tiefes Brummen von morgens bis in die Nacht hinein, sieben Tage pro Woche, kein einziger Ruhetag. Die Lautstärke ist nicht das Problem, sondern die tiefe Frequenz und die Dauerhaftigkeit. Dies griff meine Nerven stark an, sodass ich es nicht mal mehr schaffte, mich so lange auf der Terrasse aufzuhalten, wie ich zum Giessen der Pflanzen benötigte. Das Brummen dringt auch durch geschlossene Fenster, und es gibt Stellen innerhalb meiner Wohnung (Maisonette: Treppenhaus), an denen das Brummen noch lauter zu sein scheint als draussen. Ich vermute, dies hat mit den Wänden zu tun, von denen der Schall zurückgeworfen und möglicherweise aufgrund (konstruktiver) Interferenz verstärkt wird.

    Wie auch immer, die Dauerbeschallung frass mir alle Energie weg und ich verzweifelte fast. Ich erlitt erste Meltdowns in Form von unkontrollierten, äusserst beklemmenden anhaltenden Hilflosigkeitsheulanfällen, gemischt mit Wutgefühl aufgrund der «Gewaltanwendung». Nachdem ich mich durch Ausweichen wieder einigermassen erholt hatte, nahm ich alle Kraft zusammen und suchte den sinnvollen Weg: den Buden-Inhaber auf die Problematik ansprechen, damit etwas dagegen getan werden kann. Er war zwar immer ausgesprochen höflich, seine erste Reaktion war aber das Bestreiten, dass die Lüftung, die aus seiner Küchenwand kommt, seine sei. Davor stehend gab er dann doch zu, dass sie zu seinem Laden gehört. Er nahm das Brummen zur Kenntnis, verharmloste es aber direkt. Ich glaube, er versteht nicht, dass «Lärm» nicht nur Lautstärke ist, sondern genauso Frequenz und Belastungsdauer. Er sagte dennoch zu, einen Spezialisten kommen zu lassen.

    Die Aktion hatte mich viel Energie gekostet, aber ich hatte nun die Hoffnung, dass das Richtige unternommen würde. Noch bevor etwas geschehen konnte, passierte am darauffolgenden Wochenende erneut etwas: Irgendwo in der Umgebung liess jemand am Samstagabend in einer völlig unmögliche Lautstärke Elektrobässe wummern. Sie zwangen mich innert kürzester Zeit komplett in die Knie und ich erlebte einen sehr krassen Meltdown mit fast allem, was man in Beschreibungen lesen kann: weinen, heulen, schreien, auf Objekte einschlagen, mich selbst schlagen, … Eine komplette Entgleisung und Kontrollverlust, völlige Aktionsunfähigkeit. Ich schäme mich so dafür. Der Terror dauerte schliesslich über vier Stunden an, und dass nach etwa zwei Stunden etwas zurückgedreht wurde, half auch nicht mehr viel. Ich schaffte es zwischendurch irgendwie, mich vom Küchenboden, wo ich in einer Ecke lag, zusammenzukratzen und ins Bett zu schleifen, wo ich mich unter Kopfkissen und Decken zu begraben und den Schall abzumindern versuchte. Die Nachwirkungen hielten über zwei Tage an, an denen ich mich mit runtergekurbelten Rollläden und gezogenen Vorhängen von der Aussenwelt abschotten musste. Noch wochenlang schubste mich jedes Aufwummern eines Automotors o.ä. direkt Richtung Panikzustand, furchtbar.

    Bezüglich der brummenden Lüftung habe ich mich noch zweimal zur «Konfrontation» aufgerafft, wurde erst wieder vage vertröstet (Spezialist habe noch keinen freien Termin gehabt) und dann – von einem anderen Herrn – abgewimmelt mit totalem Unverständnis von Lautstärke – klar, es ist wenig Problem, sich kurzzeitig neben die Lüftung zu stellen und sich trotzdem zu unterhalten – versus Frequenz + Dauer. Dies war zu Ferienbeginn und hat mich im Anschluss völlig zusammenbrechen lassen, ich war mehrere Tage völlig out of order, konnte überhaupt nichts mehr ertragen, und seither bin ich voll krankgeschrieben.

    Ich hatte mir natürlich auch überlegt, was ich tun könnte, um dem Problem auszuweichen, zum Teil gab man mir Tipps.

    1. «Fahren Sie in den Ferien weg!»
    Ich kann in den Ferien nicht verreisen. Wohin, wie organisieren, dahin gelangen, dann an einem fremden Ort unter fremden Menschen sein, meine gewohnten Dinge nicht zur Hand haben, meine Katzen nicht um mich haben – alles bedeutet Stress. Genau deshalb habe ich mir ja dieses Zuhause mit Oase geschaffen, um im vertrauten und daher nicht energiefressenden Umfeld abtauchen zu können.

    2. «Tragen Sie Gehörschutz!»
    Punkto Akustik entspannt mich Natürliches. Natürlich, echt, ehrlich, korrekt – das sind allgemein Eigenschaften, auf die ich positiv anspreche, wie ich mal festgestellt habe. Mein Befinden stimmt nicht, wenn ich normale Geräusche nicht wahrnehmen kann. Ich erschrecke, wenn ich etwas nicht rechtzeitig hören und einordnen kann. Es stresst mich, wenn ich nicht beiläufig durch Hören bemerken kann, wenn z.B. die Katzen irgendwas anstellen. Geräusche, die ich nur halb wahrnehmen und deshalb nicht richtig definieren kann, irritieren mich.
    Gehörschutz kann Geräusche komplett blocken oder sie vermindern. Aber ausgerechnet tiefe Frequenzen scheinen nicht ausfilterbar zu sein. Totenstille stimmt für mich nicht, aber genauso auch Geräusche nicht richtig wahrnehmen können.

    3a. «Setzen Sie Kopfhörer auf und hören Sie Musik!»
    Musik ist für mich nicht ganz einfach, ich höre eigentlich nur gezielt Musik, als Emotion, nicht als Beschallung. Ich muss die richtige Stimmung für passende Musik haben. Ich musste ziemlich lange darüber nachdenken, weshalb ich im Moment keinerlei Musik ertrage. Ich glaube, es liegt an meiner Energielosigkeit. Emotion bedeutet Energieaufwand.
    Kopfhörer: Ich mag Kopfhörer gar nicht. Manche verursachen mir starke Schmerzen an/in den Ohren, Over-ears mag ich sowieso nicht (ich mag auch keine Hüte, Schals, Sonnenbrillen usw. an mir haben). Ich habe klassische In-ear-Kopfhörer mit weichen Silikonaufsätzen. Die benutze ich punktuell, wenn ich mal draussen sitze und z.B. ein Video gucken, aber die Nachbarn nicht stören möchte. Die lege ich aber sehr gerne wieder weg, sobald das Video fertig ist. Die dumpfere Wahrnehmung der Umgebungsgeräusche, das Festpappen in den Ohren – ich mag das nicht.
    Dazu kommt die Klangqualität, auf die ich sensibel reagiere. Wenn jemand auf seinem Handy ein Filmchen zeigt und den Ton über den Lautsprecher wiedergeben lässt – furchtbar. Auch meine In-ears haben eine nicht ganz schlechte, aber für mich zu wenig gute Klangqualität, um genussvoll Musik zu hören.

    3b. «Hören Sie Musik mit Noise-Cancelling-Kopfhörer!»
    Ich habe keine entsprechenden Kopfhörer. Ich hatte bisher nie das Bedürfnis, welche zu haben. Ich habe mich nun darüber belesen, um in Erfahrung zu bringen, ob sowas mir helfen könnten und eine solche Investition – gute kosten ja einiges – sinnvoll wäre. Aber wenn ich alles richtig verstanden habe, können sie mein Problem – das Filtern der Brummfrequenz, während die «normalen» Geräusche nicht vermindert werden – mit keinem der verschiedenen Modi lösen.
    Abgesehen davon suche ja eben keine Dauerbeschallung mit Musik. Ohne Musik würden sie irgendwie rauschen. Ich habe auf beiden Ohren Tinnitus, ein «Pfeifrauschen». Weisses Rauschen ist interessant, da es den Tinnitus in der Bandbreite verschwinden lässt. Aber das Rauschen selbst macht mich wahnsinnig. Genauso wie «Isochrono Töne» (Gehirnwellen) in so Entspannungs-Apps – diese Brummtöne sind samt und sonders eine Katastrophe für mich.

    Ich komme mir bei all den «Verweigerungen» unsäglich blöd vor. Frage mich, ob ich doch einfach Querulant bin und aus Prinzip alles ablehne. Auch wenn ich doch eigentlich weiss, dass dem nicht so ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass alle Ansätze keine Lösungen des Problems sind. Sie verändern die Lage zeitlich begrenzt. Genauso bedeutet das Verlassen des Zuhauses – z.B. für einen Spaziergang an den Fluss und in den Wald, wo hoffentlich nicht gerade zu viele Flugzeuge, Helikopter und Militärjets darüberbrettern oder Menschen mit Ghettoblastern Party machen – bei der Rückkehr keine Veränderung. Ich bekomme das Gefühl, einfach nicht empfinden zu dürfen, was bzw. wie ich empfinde. Schliesslich geht es scheinbar allen um mich herum anders. Aber meine Empfindungen sind nun mal so und real. Und dann werde ich hilflos traurig.

    Wie ergeht es euch so? Habt ihr ähnliche Empfindungen, kennt ihr etwas von meinem Ergehen oder gar nicht? Habt ihr andere Ansätze, Ideen, Erfolgsrezepte, …?

    LG
    Vayl

  • Vayl Mit deiner sensorischen Überempfindlichkeit, bist du nicht alleine. Auf Gerüche und Geräusche reagiere ich besonders empfindlich. Es sind bestimmt praktische Eigenschaften, wenn man in der Wildnis unterwegs ist, jedoch nicht in einer industriellen Gesellschaft wie die unsere.

    Bezüglich deines Tinitus. Knirschst du mit den Zähnen?