Posts by fisch

    Das mit der Empathie ist ein Thema, bei dem ich ebenfalls nicht weiterkomme und ich seit Längerem immer wieder nach Literatur suche. Ich hege da ebenfalls meine Zweifel. Die Unterscheidung zwischen kognitiver und emotionaler Empathie leuchtet mir ein. Seit Markram ist (hoffentlich) unbestritten, dass AutistInnen emotionale Empathie empfinden; so beobachte ich das ebenfalls bei mir selber (mehr als NTs? eben: 'zuviel' fühlen, Gefühle quasi chamäleonartig übernehmen). Aber die Annahme ('Beobachtung'?), die kognitive Empathie (Theory of Mind) bei AutistInnen sei nicht oder nur schwach ausgebildet, scheint mir auf etwas tönernen Füssen zu stehen (und habe dazu bislang auch keine einleuchtende Erklärung, bzw. Beschreibung gefunden, die Annahme scheint lediglich auf den 'false belief'-Tests im Kindesalter zu gründen, was mir eine etwas magere Grundlage dafür scheint). Ich denke, ich kann mich als Asperger schon ungefähr in andere hineinversetzen, selbst in NTs - aber ob dies erlernt ist oder, wie dies bei NTs behauptet wird, 'intuitiv' erfolgt, kann ich angesichts meiner 52 Jahre nicht mehr unterscheiden (und krame da hin und wieder in Erinnerungen, wie das als Kind war, bisher leider erfolglos...).

    Hallo 1974


    kein Problem wegen Schweigen, kenne ich gut...

    Und viel Erfolg beim Gespräch bei Pro Infirmis! Das ist doch schon ein erster Schritt und das Gespräch kann dir ja vielleicht schon eine gewisse Stabilität und Zuversicht geben und vielleicht musst du dich ja bis dahin nicht weiter unter Druck setzen, noch weitere Dinge aufzugleisen... Schritt für Schritt nehmen.

    Viel Kraft wünsche ich dir

    Thomas

    Hallo 74er


    wegen deiner Frage bezüglich unentgeltlicher Beratung: Rechtsberatung und psychosoziale Beratung bei den genannten Organisationen (Pro Infirmis, Pro Mente Sana, Inclusion Handicap) ist ohnehin gratis. Die Kosten für die Psychiatrische Spitex beschränken sich auf einen symbolischen Beitrag. Ich würde einfach mit einer der Organisationen Kontakt aufnehmen, die können sicher zunächst einmal eine 'Auslegeordnung' machen, welche Hilfe du überhaupt brauchst und wo du sie erhältst (und auch nachfragen bezüglich KESB, die haben ja Erfahrung damit, haben 'Vergleichswerte'). Um als erstes einen Faden aus dem verworrenen Knäuel zu ziehen sozusagen.

    Viel Kraft!

    Hallo 74er


    dein Leidensdruck ist gross und kann deine Überforderung (?) mitfühlen. Etwas hilflos, auch weil meine Lebenssituation deiner nur insofern gleicht, als ich ebenfalls sehr oft an einem Punkt stand, wo ich weder ein noch aus wusste - ansonsten (Kinder, KESB, Schule) sind unsere Situationen weit auseinander und ich habe auch keine Erfahrung mit deinen Themen/Problemen (ausser natürlich der ganze Bereich ASS und fortgeschrittenes Lebensalter, resp. späte Diagnose, jahrelange 'falsche' Therapien, das Gefühl 'nichts und niemand kann mir helfen' etc). Ich möchte einfach nur meine Gedanken 'hineinwerfen', vielleicht helfen sie ja doch oder geben zumindest einen Anstoss in irgendeine Richtung. Mir hat in Sachen IV die Organisation 'Inclusion Handicap' geholfen (Rechtsberatung und Rechtsvertretung bei IV-Gerichtsprozess, unentgeltlich und: erfolgreich!), desgleichen bei 'handfesten' Problemen (d.h. nicht psychotherapeutische) Pro Infirmis und Pro Mente Sana.

    Auch bei den behandelnden, resp. diagnostizierenden Therapeuten, die dich und deine Situation schon kennen, betr. weitergehender Beratung anzugehen, wäre vielleicht hilfreich (PUK hat eine psychosoziale Beratung). Psychiater kenne ich nur einen im Raum Zürich, der auf ASS spezialisiert ist, alles andere kostet ja, ev. wäre er aber eine Ansprechsperson. Eine Idee zur Entlastung wäre allenfalls die Zuhilfenahme einer psychiatrischen Spitex (z.B. knowledge-nursing.com, alles ev. nicht in deinem Raum, aber in Luzern gibt es sicherlich auch solche Organisationen).

    Das sind, sehr unstrukturiert, meine Gedanken, die mir durch den Kopf gehen.

    Ich wünsche dir alles Gute und Kraft und ich hoffe, du kannst vielleicht erst mal etwas entwirren, in einen Zustand kommen, der es dir ermöglicht, Schritt für Schritt weiter zu gehen, resp. ins Handeln zu kommen, den Baum wieder zu sehen vor lauter Bäumen (oder wie war das nochmal? als Autist nimmt ja ohnehin den Baum wahr, nicht den Wald? Aber gerade sogenannt zielgerichtet zu handeln ist ja für uns ASS schwierig).

    Liebe BigMama


    ja, dem kann ich beipflichten, die Behauptung, dass sich Autisten ethisch vorbildlich verhielten hinsichtlich der Coronapandemie fände ich auch absurd, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich habe indes den ursprünglichen Beitrag auch nicht unbedingt so verstanden, eher als Gedankenexperiment, was normal ist und was nicht, resp. was, wie jetzt, unter veränderten Prämissen eben plötzlich normal (und geboten) ist. In einer gewissen Weise wird das Verhalten, das für uns normal ist, manchmal eben doch moralisch gewertet, z.B. wenn es als persönliche Abweisung interpretiert wird (Stichwort kein Augenkontakt, kein Smalltalk etc.) und in der Folge dann versucht wird, 'uns' gewisse Verhaltensweisen als sozial unverträglich 'abzuerziehen' - ich kann mir vorstellen, dass du im Zusammenhang mit deinen Söhnen auch schon entsprechende Erfahrungen gemacht hast. (Die Psychiatrie geht naturgemäss von einem Menschenbild aus, das zwischen krank und gesund, resp. normal unterscheidet und orientiert sich dabei u.a. an der numerischen Norm).

    Aber eben, da käme dann wieder die Aufklärung/Information ins Spiel, die Übersetzungsarbeit, quasi die interkulturelle Kommunikation. Dass Autisten auch nicht alle Verständnis und Kenntnis über andere Krankheiten - inklusive Neurotypismus :) - haben, erfahre ich auch so, zumal ja auch - und gerade - Autisten nicht gefeit sind vor psychischen Erkrankungen; resp. die Autismus-spezifischen Komorbidäten mögen bekannt sein, aber wenn - wie bei mir z.B. - biografisch bedingte psychische Störungen dazukommen - darin unterscheiden wir uns ja gerade nicht von den 'Neurotypischen', wahrscheinlich auch nicht unbedingt im Kenntnisstand darüber (ich mag den Begriff 'neurotypisch' nicht allzu sehr, weil für mich gefühlsmässig mit ihm eine gewisse Polemik verbunden ist, obwohl das wohl ursprünglich nicht so gemeint war - es geht nicht um ein 'wir gegen sie'). Es wäre aber geradezu wiederum diskriminierend, wenn von Autisten erwartet würde, 'die besseren' Menschen zu sein.

    Ebenfalls alles Gute und ebenfalls bleibt gesund!

    Liebe Bigmama


    ich kann die Erfahrung von Fritz, resp. was du bei ihm annimmst, nur teilen. Falls deine Frage nicht rhetorisch gemeint ist: ja, es ist so, dass man als Autist*in sich als 'falsch' und ungenügend fühlt und zwar seit Anbeginn seiner/ihrer Kindheit - solange die Gesellschaft nicht besser über ASS aufgeklärt ist und auch entsprechende Massnahmen trifft, wird dies einen - leider - ein Leben lang begleiten. Viele von uns betreiben in gesellschaftlichen Situationen 'masking', was ungeheuer anstrengend ist und oft in einen Overload führt (bei mir Migräne). Auch ich habe eine leidvolle Geschichte hinter mir, insbesondere was Ausbildung betrifft, angefangen vom Kindergarten über Primarschule bis hin zum Studium. Danach mein völliges 'Scheitern' in der Arbeitswelt. Eine überwiegende Anzahl von Asperger*innen finden keine angemessene Stelle, sehr viele arbeiten gar nicht, beziehen - im besten Fall - eine IV wie ich, die gesellschaftliche Marginalisierung ist enorm. Schliesslich: die Suizidrate ist weit höher als unter Neurotypischen. Dies hat sehr wohl gesellschaftliche Gründe und ist nicht in der 'Andersartigkeit' begründet. Auch das Thema der, wie du schreibst, 'Beseitigung' ist ein reales, nur schon daher, wie die 'offizielle' Diagnostik uns sieht (dies wäre ein Thema für sich, Stichwort ICD, resp. DSM).

    Was mir sehr am Herzen liegt: ich erwarte von 'Nichtbetroffenen' eine offene Haltung gegenüber 'Betroffenen' - nicht mehr und nicht weniger. Bitte hört uns zunächst einmal zu, was für Erfahrungen wir machen, welche allzu oft leidvollen Lebenswege wir hinter uns haben. Es gibt den Leidensdruck - und der ist gewaltig. Hierin liegt die Behinderung, und diese ist 'gesellschaftsgemacht'. Es kann sein, dass ich dich missverstehe, dein Ton indes, der aus deinem Beitrag zu sprechen scheint, kommt bei mir nicht als ein offener an, sondern als einer, der uns unterstellt, wir würden 'übertreiben', unsere Reaktion sei dünnhäutig oder unsere womöglich 'bittere Einstellung' sei schlicht nicht legitim (und genau das haben wohl die meisten von uns ein Leben lang bereits zur Genüge gehört...).

    Ich möchte noch eine Sendung verlinken. Hier erfährt man, wie ich finde, eigentlich fast alles :)

    Hallo


    ich kann mich sehr gut darin wiederfinden. Ich glaube, es liegt daran, dass man als AutistIn viel emotionale Empathie besitzt. Man verschmilzt sozusagen mit dem anderen Menschen, eigentlich vergleichbar mit dem Verschmelzungs- oder Vertieft-Sein-Zustand in der Kindheit, den du beschreibst mit dem Unterschied, dass man in Beziehungen sich selbst 'verlieren' kann. Ich kann dir dazu die Bücher von Henry Markram empfehlen, wenn du sie nicht schon kennst ('Intense World Theory'). Als Erwachsener maskiert und kompensiert man dann nach und nach sein Verhalten. Ich bin mich am Wiederfinden, seit ich mit dem Aspergerthema beschäftige. Einen Platz zu finden, ist sehr schwierig, ich stecke ebenfalls in diesem Prozess. Oft möchte ich die grosse Sensibilität ebenfalls einfach 'weghaben', es ist sehr anstrengend, auslaugend. Im Grunde aber möchte ich sie nicht missen, sie ist unter günstigen Umständen (die Orte der Kreativität, dort wo du aufblühst), so wie Greta Thunberg sagt, eine 'Superpower'. Ich wünsche dir viel Kraft.