Hallo zusammen
Ich bin neu im Forum, 48, w. (Noch) nicht ASS-diagnostiziert, bei Tests zeigen sich teils deutliche Tendenzen, jedoch «falle ich im empathischen Bereich durch». Vieles aus meinem Leben passt gut zu ASS, sodass der Verdacht (durch eine Psychologin angeschubst) schon nicht abwegig ist. Mein Lebensweg wurde allerdings vor einigen Jahren anders gezeichnet durch ein tiefschürfendes Ereignis, aus dem ich unter anderem im Gefühlsleben und in der Empathie ziemlich verändert hervorgegangen bin. Lärmempfindlichkeit ist auf jeden Fall in meiner aktuellen Krise ein grosses Thema.
Ich habe eine schöne Wohnung mit einer grossen, grünen Terrasse, die mein Wohlfühlort ist. Zwar verläuft auf der anderen Seite des Hauses eine Hauptstrasse, aber es vermag einen Grossteil des Strassenlärms zu schirmen und die Terrasse geht zum geschützten Innenbereich zwischen den Häusern. Ich tue viel für meine Oase, finanziell – die Wohnung ist nicht gerade günstig – und arbeitstechnisch – die vielen Pflanzen erfordern viel Pflege, sind aber meine Leidenschaft. Dafür kann ich mich hierher zurückziehen und aus der mühsamen Welt wegtauchen. Zumindest im Normalfall.
In den letzten fünf Jahren wurde nebenan eine neue Überbauung hingestellt, die Riesenbaustelle war eine langgezogene Lärmkatastrophe. Nun ist sie endlich fertig und ich freute mich auf wieder mal erholsame Sommerferien. Diese hätte ich dringend benötigt, da es mir in der Folge einiger Ereignisse seit Anfang Jahr überhaupt nicht mehr gut geht und ich teilweise oder komplett krankgeschrieben bin. Meine Vorfreude aufs Energie-tanken-Können wurde torpediert, als bei der Döner-Bude direkt vis-à-vis die Lüftung zu brummen begann. Ein konstantes, tiefes Brummen von morgens bis in die Nacht hinein, sieben Tage pro Woche, kein einziger Ruhetag. Die Lautstärke ist nicht das Problem, sondern die tiefe Frequenz und die Dauerhaftigkeit. Dies griff meine Nerven stark an, sodass ich es nicht mal mehr schaffte, mich so lange auf der Terrasse aufzuhalten, wie ich zum Giessen der Pflanzen benötigte. Das Brummen dringt auch durch geschlossene Fenster, und es gibt Stellen innerhalb meiner Wohnung (Maisonette: Treppenhaus), an denen das Brummen noch lauter zu sein scheint als draussen. Ich vermute, dies hat mit den Wänden zu tun, von denen der Schall zurückgeworfen und möglicherweise aufgrund (konstruktiver) Interferenz verstärkt wird.
Wie auch immer, die Dauerbeschallung frass mir alle Energie weg und ich verzweifelte fast. Ich erlitt erste Meltdowns in Form von unkontrollierten, äusserst beklemmenden anhaltenden Hilflosigkeitsheulanfällen, gemischt mit Wutgefühl aufgrund der «Gewaltanwendung». Nachdem ich mich durch Ausweichen wieder einigermassen erholt hatte, nahm ich alle Kraft zusammen und suchte den sinnvollen Weg: den Buden-Inhaber auf die Problematik ansprechen, damit etwas dagegen getan werden kann. Er war zwar immer ausgesprochen höflich, seine erste Reaktion war aber das Bestreiten, dass die Lüftung, die aus seiner Küchenwand kommt, seine sei. Davor stehend gab er dann doch zu, dass sie zu seinem Laden gehört. Er nahm das Brummen zur Kenntnis, verharmloste es aber direkt. Ich glaube, er versteht nicht, dass «Lärm» nicht nur Lautstärke ist, sondern genauso Frequenz und Belastungsdauer. Er sagte dennoch zu, einen Spezialisten kommen zu lassen.
Die Aktion hatte mich viel Energie gekostet, aber ich hatte nun die Hoffnung, dass das Richtige unternommen würde. Noch bevor etwas geschehen konnte, passierte am darauffolgenden Wochenende erneut etwas: Irgendwo in der Umgebung liess jemand am Samstagabend in einer völlig unmögliche Lautstärke Elektrobässe wummern. Sie zwangen mich innert kürzester Zeit komplett in die Knie und ich erlebte einen sehr krassen Meltdown mit fast allem, was man in Beschreibungen lesen kann: weinen, heulen, schreien, auf Objekte einschlagen, mich selbst schlagen, … Eine komplette Entgleisung und Kontrollverlust, völlige Aktionsunfähigkeit. Ich schäme mich so dafür. Der Terror dauerte schliesslich über vier Stunden an, und dass nach etwa zwei Stunden etwas zurückgedreht wurde, half auch nicht mehr viel. Ich schaffte es zwischendurch irgendwie, mich vom Küchenboden, wo ich in einer Ecke lag, zusammenzukratzen und ins Bett zu schleifen, wo ich mich unter Kopfkissen und Decken zu begraben und den Schall abzumindern versuchte. Die Nachwirkungen hielten über zwei Tage an, an denen ich mich mit runtergekurbelten Rollläden und gezogenen Vorhängen von der Aussenwelt abschotten musste. Noch wochenlang schubste mich jedes Aufwummern eines Automotors o.ä. direkt Richtung Panikzustand, furchtbar.
Bezüglich der brummenden Lüftung habe ich mich noch zweimal zur «Konfrontation» aufgerafft, wurde erst wieder vage vertröstet (Spezialist habe noch keinen freien Termin gehabt) und dann – von einem anderen Herrn – abgewimmelt mit totalem Unverständnis von Lautstärke – klar, es ist wenig Problem, sich kurzzeitig neben die Lüftung zu stellen und sich trotzdem zu unterhalten – versus Frequenz + Dauer. Dies war zu Ferienbeginn und hat mich im Anschluss völlig zusammenbrechen lassen, ich war mehrere Tage völlig out of order, konnte überhaupt nichts mehr ertragen, und seither bin ich voll krankgeschrieben.
Ich hatte mir natürlich auch überlegt, was ich tun könnte, um dem Problem auszuweichen, zum Teil gab man mir Tipps.
1. «Fahren Sie in den Ferien weg!»
Ich kann in den Ferien nicht verreisen. Wohin, wie organisieren, dahin gelangen, dann an einem fremden Ort unter fremden Menschen sein, meine gewohnten Dinge nicht zur Hand haben, meine Katzen nicht um mich haben – alles bedeutet Stress. Genau deshalb habe ich mir ja dieses Zuhause mit Oase geschaffen, um im vertrauten und daher nicht energiefressenden Umfeld abtauchen zu können.
2. «Tragen Sie Gehörschutz!»
Punkto Akustik entspannt mich Natürliches. Natürlich, echt, ehrlich, korrekt – das sind allgemein Eigenschaften, auf die ich positiv anspreche, wie ich mal festgestellt habe. Mein Befinden stimmt nicht, wenn ich normale Geräusche nicht wahrnehmen kann. Ich erschrecke, wenn ich etwas nicht rechtzeitig hören und einordnen kann. Es stresst mich, wenn ich nicht beiläufig durch Hören bemerken kann, wenn z.B. die Katzen irgendwas anstellen. Geräusche, die ich nur halb wahrnehmen und deshalb nicht richtig definieren kann, irritieren mich.
Gehörschutz kann Geräusche komplett blocken oder sie vermindern. Aber ausgerechnet tiefe Frequenzen scheinen nicht ausfilterbar zu sein. Totenstille stimmt für mich nicht, aber genauso auch Geräusche nicht richtig wahrnehmen können.
3a. «Setzen Sie Kopfhörer auf und hören Sie Musik!»
Musik ist für mich nicht ganz einfach, ich höre eigentlich nur gezielt Musik, als Emotion, nicht als Beschallung. Ich muss die richtige Stimmung für passende Musik haben. Ich musste ziemlich lange darüber nachdenken, weshalb ich im Moment keinerlei Musik ertrage. Ich glaube, es liegt an meiner Energielosigkeit. Emotion bedeutet Energieaufwand.
Kopfhörer: Ich mag Kopfhörer gar nicht. Manche verursachen mir starke Schmerzen an/in den Ohren, Over-ears mag ich sowieso nicht (ich mag auch keine Hüte, Schals, Sonnenbrillen usw. an mir haben). Ich habe klassische In-ear-Kopfhörer mit weichen Silikonaufsätzen. Die benutze ich punktuell, wenn ich mal draussen sitze und z.B. ein Video gucken, aber die Nachbarn nicht stören möchte. Die lege ich aber sehr gerne wieder weg, sobald das Video fertig ist. Die dumpfere Wahrnehmung der Umgebungsgeräusche, das Festpappen in den Ohren – ich mag das nicht.
Dazu kommt die Klangqualität, auf die ich sensibel reagiere. Wenn jemand auf seinem Handy ein Filmchen zeigt und den Ton über den Lautsprecher wiedergeben lässt – furchtbar. Auch meine In-ears haben eine nicht ganz schlechte, aber für mich zu wenig gute Klangqualität, um genussvoll Musik zu hören.
3b. «Hören Sie Musik mit Noise-Cancelling-Kopfhörer!»
Ich habe keine entsprechenden Kopfhörer. Ich hatte bisher nie das Bedürfnis, welche zu haben. Ich habe mich nun darüber belesen, um in Erfahrung zu bringen, ob sowas mir helfen könnten und eine solche Investition – gute kosten ja einiges – sinnvoll wäre. Aber wenn ich alles richtig verstanden habe, können sie mein Problem – das Filtern der Brummfrequenz, während die «normalen» Geräusche nicht vermindert werden – mit keinem der verschiedenen Modi lösen.
Abgesehen davon suche ja eben keine Dauerbeschallung mit Musik. Ohne Musik würden sie irgendwie rauschen. Ich habe auf beiden Ohren Tinnitus, ein «Pfeifrauschen». Weisses Rauschen ist interessant, da es den Tinnitus in der Bandbreite verschwinden lässt. Aber das Rauschen selbst macht mich wahnsinnig. Genauso wie «Isochrono Töne» (Gehirnwellen) in so Entspannungs-Apps – diese Brummtöne sind samt und sonders eine Katastrophe für mich.
Ich komme mir bei all den «Verweigerungen» unsäglich blöd vor. Frage mich, ob ich doch einfach Querulant bin und aus Prinzip alles ablehne. Auch wenn ich doch eigentlich weiss, dass dem nicht so ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass alle Ansätze keine Lösungen des Problems sind. Sie verändern die Lage zeitlich begrenzt. Genauso bedeutet das Verlassen des Zuhauses – z.B. für einen Spaziergang an den Fluss und in den Wald, wo hoffentlich nicht gerade zu viele Flugzeuge, Helikopter und Militärjets darüberbrettern oder Menschen mit Ghettoblastern Party machen – bei der Rückkehr keine Veränderung. Ich bekomme das Gefühl, einfach nicht empfinden zu dürfen, was bzw. wie ich empfinde. Schliesslich geht es scheinbar allen um mich herum anders. Aber meine Empfindungen sind nun mal so und real. Und dann werde ich hilflos traurig.
Wie ergeht es euch so? Habt ihr ähnliche Empfindungen, kennt ihr etwas von meinem Ergehen oder gar nicht? Habt ihr andere Ansätze, Ideen, Erfolgsrezepte, …?
LG
Vayl