Guten Tag Herr Glüer
Vielen Dank für die Erklärungen und Ihre Sichtweise. Ich gehe auf gewisse Punkte ein, dort wo ich einen Input geben kann. Viele Ihrer Einschätzungen und Erklärungen sind einleuchtend und sinnvoll, auf diese gehe ich nicht mehr ein.
Auch wenn ich mir nach Ihren Schilderungen gut vorstellen kann, dass der Junge die Aggression auch instrumentell nutzt, um seinen Willen durchzusetzen, ist Aggression immer auch ein Versuch zu kommunizieren, es geschieht aus der Not heraus und nicht zuletzt gehört es zur kindlichen Entwicklung.
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Junge genau dann, wenn er das aggressive Verhalten zeigt seine Frustration gar nicht anders zeigen kann zum Beispiel mit Worten. Dies kann er zwar einige Minuten davor und danach aber nicht genau am Höhepunkt, dort gibt es für ich nur noch das Schlagen. Trotzdem muss hinter das auslösende Problemverhalten geschaut werden (was Sie auch tun).
Was ich mich grundsätzlich frage, wie lange soll dieses Token-Belohnungssystem aufrechterhalten werden? Irgendwann muss der Junge ja auch ohne «normal» funktionieren können. Im Hinblick darauf kann das ganze bereits jetzt konfiguriert und angepasst werden im Sinne von weniger mit gegenständlichen Belohnungen zu arbeiten dafür mehr mit Worten (ähnlich wie Komplimente unter Erwachsenen, da gibt es ja auch nicht jeden Tag ein Geschenk dafür Lob oder Komplimente). Man könnte zum Beispiel die Belohnung darauf ausrichten, wie er mit dem nahenden aggressiven Verhalten umgeht bzw. nicht zeigt. Also nicht mehr die anderen positiven Dinge, die er während dem ganzen Termin zeigt zu belohnen sondern gezielt positives Verhalten anstelle vom Schlagen.
Auch wichtig der Hinweis, dass im Nachgang zu meinem Termin die aufgestauten Emotionen sich dann umsomehr entladen könnten. Dies müsste ich aber einfach nochmal bei der Familie erfragen.
Dieses Verhalten muss sich nicht direkt in der Familie zeigen oder «entladen», es kann auch sein, dass der Junge das mit/an sich selber ausmacht. Es kann physische oder psychische Gewalt gegen sich selbst sein (Autoaggression, sich runter machen in Gedanken, etc.) aber es kann auch sein, dass sich danach zum Beispiel zwanghaftes Verhalten oder Denken zeigt. Ich persönlich «brauche/nutze» dieses zwanghafte Denken oder Verhalten (vor allem Mustergesteuert) zur Beruhigung in/nach Stresssituationen, es dient gewissermassen als Kompensation für eine gewisse Zeit und zögert ein Meltdown oder anders unerwünschtes Verhalten hinaus. Wie auch das Thema Schmerz oder Selbstverletzung, dies wirkt auf eine paradoxe Art beruhigend auf das Nervensystem. Damit zentriert man alle Eindrücke und Reize auf diesen einen Punkt und lenkt somit den Fokus vom Aussen auf das Innen. Auch hier ist es eine Art Schutz vor einer anderen Eskalation. Längerfristig nicht zielführend, damit will ich sagen, dass sich dieses entladen nicht so deutlich zeigen muss, wie es sich anhört oder direkt erfolgt. Es kann einen deutlichen zeitlichen Verzug geben, sodass man das Verhalten dann nicht mehr mit der vorangegangenen Stresssituation in Verbindung bringt.
Ich glaube, dass eines der Argumente dagegen wäre, dass man ungern den Fokus auf „Ich möchte, dass du dieses oder jenes nicht tust“ legt. Stattdessen ist ja die Idee z.B. des Token-Belohnungssystems „Ich möchte, dass du jenes tust“.
Das ist ein grundsätzliches schwieriges Thema, denn bei vielen autistischdenkenden Menschen kommt man mit Aussagen wie «das tut man eben so, das wird von einem erwartet bzw. dass erwartet die Gesellschaft/andere Menschen, etc.» nicht sehr weit. Weil dieser soziale Bezug fehlt, es ist vielen «egal» (nicht negativ sondern rein sachlich) was andere von einem erwarten, weil man es nicht nachvollziehen kann weil man eben anders denkt/fühlt. Man versteht den Sinn nicht warum ich mich nun konform verhalten soll und angepasst sein muss und dafür beispielsweise weniger ehrlich (dafür diplomatisch oder zurückhaltend), so wie neurotypisch denkende Menschen was das soziale zusammenleben betrifft.
- Dann sage ich sowas wie „Ich bin ein bisschen traurig etc., dass du mich vorhin geschlagen hast und habe daher jetzt keine Lust, mit dir zu laufen“
Dies finde ich eine sehr wichtige Aussage und würde diese unbedingt beibehalten, egal ob danach eine «Bestrafung» für das Schlagen erfolgt oder nicht. Dies aus folgendem Aspekt: der Junge lernt dabei die soziale Komponente und zwar das sein schlagen beim anderen negative Gefühle auslösen kann, ergo er dafür «verantwortlich» ist. Ja ich weiss, man ist nicht dafür verantwortlich wie der andere sich fühlt, in diesem Kontext finde ich die Verbindung jedoch wichtig: sein Verhalten führt zu einer hier negativen Reaktion in Form von einem Gefühl oder sogar Schmerz beim Gegenüber, das muss man ihm verdeutlichen, weil er sich dessen bewusst werden muss. Man könnte es als eine Unterstützung zur Entwicklung und Förderung der Theory of mind sehen. Den Autismus ist keine Entschuldigung für aggressives Verhalten, man muss mit dem Jungen jedoch darüber sprechen. Man könnte auch so etwas wie «Mir gefällt es nicht, wenn du mich schlägst und ich will, dass du damit aufhörst. Trotzdem möchte ich wissen, was dich so wütend gemacht hat?» Damit werden die Grenzen verdeutlicht aber das Kind nicht pauschal verurteilt.
Vielleicht fehlt mir hier das zwischen den Zeilen lesen können, mir ist nicht klar, ob für Sie ersichtlich ist wann sich die Aggression zum Beispiel in Form von Schlagen beim Jungen zeigt also ob Sie das eine gewisse Zeit vorher merken/sehen. Falls ja könnte man einen ganz neuen Ansatz wählen in dem man dann eingreift, bevor es dem Jungen vielleicht selbst klar ist wie er bald reagieren wird. Man könnte ihn dann aus der Situation rausnehmen, um Abstand zu schaffen. Zum einen weg von den (auslösenden) und weiteren Reizen oder auch in Kombination mit einem alternativen Verhalten wie zum Beispiel schlagen auf ein Kissen oder schreien oder welche Form der Entladung er nutzen möchte und ihm gut tut. Auch zu bedenken, dass das Ansprechen des Problemverhalten direkt in der Situation ein weiterer Stressfaktor und Auslöser für Aggression sein kann, da hilft manchmal etwas Abstand und die Thematisierung in einem ruhigeren Moment. Sie schreiben wie reflektiert der Junge ist, da sehe ich somit keine Probleme, dass der den Zusammenhang von diesem späteren Thematisieren mit dem Problemverhalten nicht machen kann.
Leider habe ich nicht die Patentlösung für den Umgang mit dem aggressiven Verhalten, die gibt es auch nicht, da jeder Mensch anders ist. Ich hoffe trotzdem mit meinen Inputs eine Unterstützung für Ihre wertvolle Arbeit sein zu können.