Studium/Arbeit mit Asperger

  • Hi :)
    Ich war vor ein paar Tagen bei einem ASS Gruppentreffen und alle dort haben erzählt, dass sie keinen festen Job oder kein festes Studium haben. Sie arbeiten oder studieren eher Halbzeit oder sind krankgeschrieben. Ich bin selbst gerade krankgeschrieben von meinem Studium, fange aber nach dem Sommer wieder an. Wegen den Erfahrungen von den anderen habe ich echt irgendwie Bedenken bekommen, dass es sehr schwierig sein kann "erfolgreich" zu sein und "normal" zu studieren oder zu arbeiten. Wie seht ihr das? Habt ihr ein normales Studium oder Arbeitsleben?


    Falls ihr mehr dazu lesen wollt wie es bei mir mit meinem Studium gelaufen ist, bevor ich krankgeschrieben wurde, habe ich gerade erst etwas dazu auf meinem Blog geschrieben: http://www.unbemerkt.eu/de/asp…rom/asperger-und-studium/


    Freue mich von euren Erfahrungen zu hören,
    Nici

  • Meine Erfahrung:
    In Gruppen geht für mich gar nicht.
    In Einzelkontakt geht dann, wenn er/sie über
    ein hohes Wissen über Psychologie verfügt
    und/oder eine hohe Fähigkeit besitzt, eine
    andere Denkweise zu (an-) erkennen,
    ohne zu negieren oder schlecht zu machen.

    Entsprechend ist eine Integration oder Inklusion für mich kaum bis gar nicht möglich.


    Wie Menschen denken, bin ich laufend am eruieren. Es gibt viele verschiedene Menschen. Ich dachte früher, alle denken wie ich. Es ist mir kaum bis gar nicht möglich, eine korrekte Einschätzung in einer vernünftigen Zeit zu erheben. Man nennt das auch: Erkennen von Freund oder Feind. Da ich nicht im Feindbild denke, merke ich meist zu spät, welchen Mechanismen er/sie unterliegt und mir gegenüber als Zielsetzung hat. Das kann Folgen haben, die weder ich noch er/sie tatsächlich korrekt in der Sache beurteilen kann, da die Emotionen unweigerlich bereits tiefgreifend Einfluss auf das Handeln nehmen, auch wenn sich das manche Menschen nicht eingestehen wollen und glauben, sie würden auf rein analytischer und strategischer Überlegung handeln. Sich seiner selbst bewusst sein und sich seiner selbst einzugestehen, sowohl in Denkweise, Handlung, Zielsetzung, erfordert sehr viel Wissen, Bewusstsein, Erfahrung so wie auch Anstand*, Würde*, Ehre*. Leider greifen Menschen aber lieber auf Wertungen wie: Den mag ich nicht, der ist komisch, der ist behindert, das ist ein unangenehmer Mensch, und das führt im Endeffekt nicht selten zu: Der ist schuld. Besser wäre eine offene Auseinandersetzung, aber genau das gibt es nicht. Für mich war es zu spät, bis ich das erkannte, wie verlogen alles ist und wenn ich es heute selber versuche, dann geht das immer negativ aus, für mich.


    *Eigenschaften,
    die ich immer wieder antreffe bei einzelnen Menschen und deren Kontakt ich entsprechend schätze.

  • Hallo Nici
    Naja ich denke nicht, dass es unmöglich ist, ein 'normales' Leben zu führen. Es kommt halt immer auf die Person selber an und auch auf das Umfeld. Es stimmt schon, dass es einige Menschen mit Asperger gibt, die nicht oder nicht mehr arbeiten können. Was ich so mitbekommen habe ist, dass da oft die Diagnose erst sehr spät gestellt wurde und sich diese Menschen lange einfach anpassen mussten ohne auf die eigenen Bedürfnisse eingehen zu können.

    Kurz zu meinem Lebenslauf:
    Ich war 12 Jahre in der Schule, ganz normal und in Vollzeit.
    Danach habe ich 2.5 Jahre als Kindermädchen gearbeitet, die meiste Zeit 100%.
    Im letzten halben Jahr meiner Anstellung dort habe ich die Bürofachschule angefangen. Das ist eine berufsbegleitende Ausbildung.
    Dann war ich 1 Jahr bei der Post im Callcenter angestellt. Pensum war da soweit ich mich erinnern kann 80%. Daneben habe ich die Bürofachschule abgeschlossen und das Fernstudium in Betriebsökonomie angefangen.
    Nach diesem Jahr bin ich ins Büro eines KMUs gewechselt und habe dort 4.5 Jahre gearbeitet. Das Pensum war da nicht immer gleich (50-80%). Daneben habe ich weiter studiert und meine zwei Kinder sind zur Welt gekommen. Beim ersten Kind war ich 25.
    Das Studium hat sich um ein Jahr verlängert, weil ich auf Grund der Schwangerschaft eine Prüfung verpasst habe und mir dann Punkte fehlten für das Aufbaustudium.
    Kurz vor Abschluss des Studiums musste ich die Arbeitsstelle wechseln und ging wieder in ein Callcenter. Da arbeitet ich Anfangs 60% danach 80%. Das ging nicht lange gut, weil die Stimmung im Büro immer schlechter wurde und ich mich unterfordert fühlte. Nach ca. 7 Monaten musste ich krankgeschrieben werden. Ich war dann ca. 2 Monate zu Hause und fand in dieser Zeit eine neue Stelle. Den Vertrag mit dem Callcenter löste ich vorzeitig auf. An der neuen Stelle arbeitet ich zuerst 80% dann noch 40%.


    Wie du siehst, habe ich auch nicht lange 100% gearbeitet, jedoch habe ich jetzt nicht das Gefühl, dass das auf Grund des ASS ist. Oder jedenfalls hat es mich nie gestört und ich hatte nicht das Gefühl nicht 100% arbeiten zu können. Mir war/ist Freizeit halt einfach sehr wichtig ;-)
    Für ein Fernstudium habe ich mich entschieden, weil ich die finanzielle Unabhängigkeit nicht aufgeben wollte (ich lebte da ja bereits seit einigen Jahren nicht mehr zu Hause, sondern mit meinem Partner zusammen). Und auch weil ich eigentlich im klassischen Unterricht sehr selten etwas gelernt habe. Meistens war mir langweilig. Diese Form des Studiums entspricht mir einfach mehr.
    Auch wollte ich eigentlich immer trotz der Kinder weiter arbeiten und zwar in einem hohen Pensum. Anfangs ging es nicht, weil mein Partner nicht mehr reduzieren konnte und meine Mutter sich nicht ständig um die Kinder kümmern konnte. Später arbeitet ich ja 80% und mein Partner zum Teil gar nicht oder 20-40%. Das ging aber nicht besonders gut, weil er mit der Arbeit zu Hause überfordert war. Gleichzeitig vermisste ich die Kinder immer mehr und wünschte mir mehr zu Hause zu sein. Deswegen arbeitet er jetzt wieder an 4 Tagen (kommt aber von den Stunden her auf fast 100%) und ich 1 Tag im Büro und noch ca. 20% von zu Hause. Für den Moment passt es so für uns.


    Viel Erfolg in deinem Studium (darf ich fragen, was du studierst?) und alles Gute!

  • @Nici, wie warst du in der Primarschule?


    Da hatte ich eigentlich kein Problem. Ich war halt immer sehr still und habe mich zum Beispiel nie gemeldet, aber das hat mich nicht gestört. Erst in der 11./12. Klasse und im Studium ist es schwieriger geworden und ich bin nicht mehr so gut zurecht gekommen.

  • Viel Erfolg in deinem Studium (darf ich fragen, was du studierst?) und alles Gute!


    Danke für deine Antwort. Das klingt ja doch so, als hättest du ziemlich viel und "normal" arbeiten können. Ich bin da doch ziemlich beeindruckt.


    Ich studiere etwas mit Design, Entrepreneurship und Innovation.